Ghassan Kanafani ist im April 1936 in Akko geboren.

1948 flüchtete er mit seiner Familie in den Libanon, später nach Syrien, wo er sein Schulausbildung abschloss und einige Zeit als Lehrer in einer UNRWA-Schule arbeitete.

1956 bekam er eine Lehrstelle in Kuwait. Hier erfuhr er von seiner Zuckerkrankheit. Dort kam er auch mit dem Kommunismus in Kontakt.

1960 kehrte er nach Beirut zurück und verbrachte dort den Rest seines Lebens als Journalist.

Kanafani war nicht ein Mann, der mit der Kalaschnikoff für die Rechte seines Volkes eintrat. Seine Waffen waren seine Feder, sein Intellekt, seine Wortgewalt. So wurde er zu einem kämpferischen Sprecher seines Volkes im Exil. Er war also ein "gefährlicher" Mann.

1961 heiratete er Anni Honer, eine dänische Lehrerin, aus der Ehe gehen 2 Kinder hervor. Am 8. Juni 1972 wurde Kanafani zusammen mit seiner 16-jährigen Nichte Lamis Nadschm durch eine an seinen Wagen angebrachte Bombe ermordet. Urheber des Attentats war der israelische Geheimdienst, der diese Aktion als "Anti-Terror-Maßnahme" rechtfertigte.

 


Werke:

  • Das Land der traurigen Orangen
  • Männer in der Sonne
  • Rückkehr nach Haifa
  • Bis wir zurückkehren 

 

"Über die Grenzen hinaus"

...Ihr habt versucht, mich auszulöschen. Unermüdlich, unverdrossen habt ihr euch darum bemüht. Täusche ich mich, wenn ich sage, dass ihr dabei nicht gerade viel Glück gehabt habt? Ganz sicher nicht. Aber dafür ist euch etwas anderes in phantastischer Weise gelungen, oder haben Sie noch nicht bemerkt, dass ihr mich mit aller Macht dahin gebracht habt, dasss ich aus einem Menschen zu einem fortdauernden Zustand geworden bin? Ja, ich bin ein Zustand, nie war ich mehr , und nie werde ich weniger sein, denn ich bin ein Zustand. Wir sind ein Zustand, werden ihm in verblüffender Weise immer noch ähnlicher. Eine grossartige Arbeit, mein Herr, wirklich wunderbar, wenn sie auch ihre Zeit brauchte. Aber wissen Sie, eine Millionen Menschen gemeinsam aufzulösen, aus ihnen eine einzige, vereinte Sache zu machen,das ist wirklich keine leichte Arbeit. Ich bin überzeugt, dass man sich auch dank Ihrer gütigen Erlaubnis so viel Zeit genommen hat. Nun aber habt ihr es geschafft, dass jeder einzelne dieser Millionen Menschen seine eigene, ihm eigentümliche Eigenschaft verloren hat. Da müßt ihr also nicht mehr unterscheiden und sortieren. Ihr steht jetzt einem Zustand gegenüber: wollt ihr ihn als Diebstahl bezeichnen, nun, dann sind eben alle Diebe. Verrat vielleicht? Dann sind alle Verräter. Wozu noch all die Mühe und Last und die verwickelten menschlichen Betrachtungen von ehedem?...

...Überdies, mein Herr, bietet unser Unternehmen auch noch andere günstige Dienste an. Wir sind beispielsweise hervorragend dafür geeignet, andere eine Lektion zu erteilen. Schwierige, verwickelte politische Probleme? Na, dann geh gegen die Lager vor, sperr ein paar Flüchtlinge ein, am besten alle, wenn du kannst. So kannst du deinen Untertanen Zucht und Ordnung beibringen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Warum willst du ihnen schaden, wenn du eine besondere Gruppe hast, die ihnen zur Erfahrung dienen kann?...

...Aber da ist ein kleines Problem, mein Herr, das mich nicht schlafen lässt und über das ich unbedingt noch reden muss. Es geht dem Menschen doch oft so, dass er, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt, zu fragen beginnt: "Wie nun weiter?" Entdeckt er dann, dass er gar kein Recht auf die Frage nach dem "weiter" hat, geschieht manchmal etwas sehr Hässliches - so etwas wie Wahnsinn befällt ihn. Da sagt er sich dann ganz leise: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!" Nach wenigen Tagen aber fängt er an zu schreien: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!" Schreien, mein Herr, ist ansteckend. Und so rufen alle wie aus einem Munde: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!"...

Ghassan Kanafani,  1962


 

"Der Horizont hinter dem Tor"

...Warum sollte er ihr nicht berichten, wie die Zionisten in Akka eindrangen und was dann geschah. Er war im Zimmer, als vor seinen Augen die Hölle losbrach. Mit anderen hatte er sich zurückgezogen, als sich die Dunkelheit über Akka senkte. Sein kleines Gewehr hatte alles, was darin war, ausgespuckt und sich in ein Stock verwandelt, einen dürren Stock, zu nichts mehr zu gebrauchen. Er ging in sein Zimmer und nahm Dallal in den Arm, die angesichts des Entsetzens, das sich über die Stadt gebreitet hatte, weinte. Dann, bevor er sich dessen gewahr wurde, barst die Tür. Eine Salve ging los; ein Kugel- hagel ergoss sich über das Zimmer. Als sich der Rauch verzogen hatte, sah er vier Männer, die vor seinen Augen die hölzerne Zimmertür verbarrikadierten; doch er rührte sich nicht. Dallal lag zuckend in ihrem Blut; sie röchelte noch einige Male. Als er sie an die Brust drückte, als wolle er ihr sein Herz und sein Blut geben, blickte sie ihn an. Dann zog sie die Brauen hoch und wollte etwas sagen. Doch der Tod kam ihr zuvor. Hatte er geweint? Heute erinnerte er sich an nichts mehr; nur noch daran, dass er seine tote Schwester auf die Arme nahm, mit ihr auf die Strasse rannte, sie den Passanten unter die Augen hielt, um sie um ihre Tränen zu bitten - so als ob seine Tränen allein nicht genügten. Er wusste nicht mehr, wann es den Leuten gelang, den toten Körper seinen Armen zu entwinden. Doch er wusste noch, dass ihn, als er seine tote Schwester verloren hatte, als ihm ihr steifer, kalter Körper genommen worden war, das Gefühl überkam, alles verloren zu haben: sein Land, seine Familie, seine Hoffnung. Jetzt war es ihm gleichgültig, sollte er auch sein eigenes Leben verlieren. Von da an begann er umherzuziehen, verliess sein Land und floh vor dem Schicksal, das ihm so hart zugesetzt hatte.

Wenn er all dies erzählte, würde die grosse Lüge getilgt, die er zehn Jahre lang aufgebaut hatte, und seine Mutter würde plötzlich erfahren, das Dallal tot ist, seit zehn Jahren, und dass ihr Sohn sie dieses ganze Zeit über angelogen hatte, wenn er immer wieder und unermüdlich denselben kalten Satz durchs Radio hatte übermitteln lassen: "Dallal und mir geht es gut. Lasst uns hören , wie es euch geht. Wir machen uns Sorgen!" Er stand auf, ging ans Fenster, zog die dunklen Vorhänge beiseite und blickte auf die Strasse hinab...Er musste sie von der Lüge befreien und er musste sich selbst von diesem dunklen Schicksal befreien, das auf ihm ganz allein lastete. Er musste ihr sagen, dass Dallal dort begraben war und dass er niemanden fand, der an Festtagen einen Blumenstrauss auf ihr kleines Grab legte, und dass sie, ihre Mutter, nur einen Katzensprung vom Grab ihrer geliebten Tochter entfernt wohnte, das zu besuchen ihr nicht möglich war.

Ghassan Kanafani, Kuwait 1958


 

"Damals war er ein kleiner Junge"

...Sie fielen in den Graben. Ihre Gesichter und ihre Hände versanken im Schlamm. Sie lagen übereinander, ein einziger, grosser, blutdurchtränkter Haufen. Unter ihren Körpern lief das rote Blut wie ein Faden hervor, sammelte sich und floss mit dem Wasser nach Süden. Der fette Mann wandte sich dem Junge zu, beugte sich ein wenig hinab und zog ihn schmerzhaft am Ohr: "Hast du's gesehen? Merk's dir gut und erzähl es weiter..." Dann richtete er sich wieder auf, schlug dem Jungen mit seinem Stock auf den Rücken und stiess ihn nach vorn: "Los, hopp, renn so schnell du kannst. Ich zähl bis zehn. Wenn du dann noch nicht weit genug weg bist, schiess ich auf dich." Im ersten Augenblick konnte es der Junge nicht fassen. Zwischen dem Graben und der jungen Frau mit den nackten Beinen stand er wie angewurzelt da- reglos wie die Bäume um ihm herum. Sein Mund stand offen und gab die schadhaften Zähne frei. Im nächsten Moment folgte ein weiterer Schlag mit dem schwarzen Stock. Er glaubte, die Haut werde ihm abgeschunden. Da gabe es für ihn nichts anderes mehr, als Hals über Kopf davonzulaufen.

Die Strasse vor seinen Augen verschwamm hinter einem Schleier aus Schwindel und Tränen. Dennoch drang ihr drönendes Lachen an sein Ohr. Da blieb er stehen. Er wusste nicht wie und warum. Doch er blieb stehen. Steckte seine Hände in seinen Hosentaschen und ging mit ruhigen festen Schritten weiter, mitten auf der Strasse, ohne sich umzusehen. Und er begann, langsam vor sich hinzuzählen: "Eins, zwei, drei..."

Ghasssan Kanafani,  Beirut 1969