Emil Habibi wurde 1921 in Haifa im Norden Palästinas  als Sohn einer palästinensischen Familie orthodoxer Christen des Mittelstandesgeboren. Bereits früh Mitglied der palästinensischen Kommunistischen Partei geworden und wurde 1944 einer der Gründer und Führungspersönlichkeiten der Liga für Nationale Befreiung, eine Organisation, die sich ursprünglich der Schaffung eines jüdischen Staates widersetzte.

20 Jahre lang war er Abgeordneter der Knesseth, dem israelischen Parlament. Er veröffentlichte zahlreiche Romane und Essaybände.

Berühmtheit erlangte Emil Habibi nicht zuletzt 1974mit dem Roman: "Das geheime Leben von Saeed, des Pessoptimisten". Peptimist, eine Wortneuschöpfung des Autors, verbindet die Gegensätzlichkeit Optimist und Pessimist miteinander. Eine tragische Komödie, die das Leben eines Palästinensers beschreibt, nachdem er zum israelischen Staatsbürger wird.

Für sein literarisches Werk (Romane, Kurzgeschichten, ein Theaterstück) wurde Emil Habibi 1990 mit dem Al-Quds-Preis der PLO und 1992 - als erster Palästinenser - mit dem Israel-Preis für Literatur ausgezeichnet.

 

Werke:

  • Der Peptimist
  • Das Tal der Dschinnen
  • Saraya, die Tochter der Hexe

 

Das geheime Leben von Saeed, des Pessoptimisten

Das ist ein typisches Merkmal unserer Familie, die deshalb Peptimist heisst. Dieser Name ist nämlich eine Verschmelzung zweier Wörter, Pessimist und Optimist, Eigenschaften, die sich in sämtlichen Mitgliedern unserer Familie seit unserer verstossenen zypriotischen Urahnin untrennbar verbunden finden. Also nannte man uns Peptimist, und es heisst, derjenige, der uns diesen Namen gab, sei Tamerlan gewesen, und zwar nach dem zweiten Massaker von Bagdad. ...

Oder nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich kann einen Pessimisten nicht von einem Optimisten unterscheiden und frage mich oft, was ich eigentlich bin. Wenn ich morgens aufwache, danke ich Gott dafür, das er mich nicht im Schlaf hinweggerafft hat. Und wenn mich am Tag ein Missgeschick ereilt, danke ich Gott dafür, dass mir nichts Schlimmeres zugestossen ist. Was also bin ich, ein Pessimist oder Optimist?

Meine Mutter stammte ebenfalls aus der Familie der Peptimist. Mein ältester Bruder arbeitete im Hafen von Haifa, als ein Sturm aufkam, den Kran, den er lenkte, umwarf und ihn mitsamt meines Bruders auf die Felsen im Meer schleuderte. Man las ihn zusammen und brachte ihn in Stücken nach Hause, ohne Kopf und ohne Eingeweide. Er war gerade einen Monat verheiratet gewesen, und nun sass seine junge Frau jammernd und ihr Unglück neklagend zu Hause. Meine Mutter sass bei ihr und weinte lautlos. Plötzlich sprang meine Mutter auf, schlug die Handflächen aufeinander und rief mit belegter Stimme: "Gut, dass es so undn icht anders gekommen ist!"

Niemand war besonders überrascht, ausser der jungen Frau, die ja nicht aus unserer Familie stammte und der diese Art Weisheit nicht einleuchtete. Sie verlor die Fassung und schrie meiner Mutter ins Gesicht:" Was soll das heissen: nicht anders, alte Glücklose?" (Das bezog sich auf den Namen meines seligen Vaters: der Glücklose.) "Was könnte den noch schlimmer sein?"

Mein Mutter liess sich von diesem jugendlichen Ausbruch nicht beeindrucken. Sie antwortete mit ruhiger Orakelstimme: "Zum Beispiel hättest du dich zu seinen Lebzeiten entführen lassen können, meine Tochter, wärst also mit einem anderem Mann davongelaufen." Dazu muss man wissen, das meine Mutter den Familienstammbaum in- und auswendig kennt.

Wirklich lief sie zwei Jahre später mit einem anderen Mann davon. Der erwies sich als unfruchtbar. Als meine Mutter davon erfuhr, sagte sie wie immer: "Wie sollte man da nicht Gott dankbar sein?"

Was sind wir also, Pessimisten oder Optimisten?

Emil Habibi, "Der Peptimist", Lenos Verlag 1995, Basel