Worte der Hoffnung im Schatten der Mauer

Von Joachim Frank

Irgendwann wird die Beklemmung so groß, dass sie sich Worte sucht. "Es kann doch wohl nicht sein, dass die Israelis ihr Existenzrecht so brutal durchsetzen, dass andere kaum mehr leben können." Gregor Maria Hanke, der Bischof von Eichstätt, steht im Garten des christlichen Kinderkrankenhauses von Bethlehem. Auf dem Weg von Jerusalem in die südlich gelegene Stadt hat der Bus mit den Oberhirten der deutschen Bistümer den israelischen Kontrollpunkt und die Mauer passiert, die Israels Territorium von den Palästinensergebieten trennt und das Einsickern von Attentätern verhindern soll.

Die Bischöfe haben von stundenlangem Warten am Durchgang gehört, von Schikanen durch israelische Soldaten, von ständigen Konflikten um jüdische Siedlungen auf palästinensischem Grund und Boden. "Ohne solche Besuche wie Ihren fühlen wir uns weit weg und abgeschoben", hat die Chefärztin des Kinderkrankenhauses, Hiyam Marzouqa, gesagt. Und dann ist da immer wieder dieses Ungetüm aus Beton, acht bis neun Meter hoch, grau, kalt und bedrohlich. Dem Eichstätter Hanke, erst seit fünf Monaten im Amt und damit "Benjamin" im deutschen Episkopat, ergeht es wie so vielen, die zum ersten Mal nach Bethlehem oder in andere Städte des Autonomiegebietes kommen: "Ich habe die existenzielle Dramatik erst hier am Ort erlebt."

Was die Situation für die Bischöfe emotional so schwierig macht, ist nicht zuletzt das ungebremste Aufeinanderprallen von Geschichte und Gegenwart: morgens Messe am Ort der Geburt Jesu, nachmittags Begegnung mit palästinensischen Studenten, die ihre Zukunft in düsteren Farben malen; mittags in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem, abends Fahrt mit Begleitschutz nach Ramallah zu Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Dort führt ein Berater der Autonomiebehörde vor, wie viele neue israelische Siedlungen entstehen und wie tief die Sperranlagen in palästinensisches Gebiet einschneiden, zum Teil weit jenseits des Grenzverlaufs von 1967.

Bischof Hanke ist von diesen Brüchen so aufgewühlt, dass er in Bethlehem einen heiklen Vergleich riskiert: In Jad Vashem habe er Bilder des Warschauer Ghettos gesehen. "Jetzt bin ich in einem aktuellen Ghetto." Das alles könne doch unmöglich Säule für einen Frieden sein. "Die Mauer ist ja auch ein Zeichen der Angst aufseiten der Israelis." Von alledem wolle er nicht schweigen, wenn er zurück in Deutschland ist.

Diese Ansicht teilen die meisten Bischöfe. Sie wollen die Gläubigen ermutigen, wieder verstärkt Israel und Palästina zu besuchen und den Menschen dort zu begegnen. Kardinal Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, kündigt an, dass Eindrücke von der Reise in den Spendenaufruf für das Heilige Land am Palmsonntag eingehen sollten. In ersten internen Diskussionen gibt es freilich auch warnende Stimmen. Ostdeutschen Bischöfen drängen sich Parallelen zur Berliner Mauer mit besonderer Macht auf. Trotzdem machen sie geltend, dass markige Worte womöglich Schaden anrichten könnten. "Das haben wir in der DDR oft genug erlebt: Die Westdeutschen kamen, protestierten flammend gegen die Mauer, fuhren wieder weg - und wir mussten es ausbaden", so beschreibt es der Magdeburger Bischof Gerhard Feige.

Doch unter der Wucht des Erlebten lässt selbst Kardinal Lehmann seine sonst so meisterhaft gepflegte Diplomatie außer Acht: Die Sicherheitsanlagen bezeichnet er als "schwer erträglich". Zusammen mit dem Ausbau der Siedlungen, Check-Points und getrennter Straßenanlagen im Westjordanland nährten sie die Sorge, dass von Israel territorial "Tatsachen schafft". Der Status quo drohe zum Dauerzustand zu werden. "Wir haben den Eindruck gewonnen, dass all diese Maßnahmen zwar einen aktuellen Gewinn an Sicherheit für die Israelis bedeuten, dem Frieden auf lange Sicht aber nicht dienen können", so Lehmann. Der Vertrauensverlust auf beiden Seiten sei eine "gefährliche Sackgasse". Die Bischöfe seien zwar weder politische Vermittler noch Problemlöser. "Wohl aber können und müssen wir immer wieder auf das Leiden der Menschen aufmerksam machen." Eindeutig haben die Bischöfe bei solchen Worten nach ihrem Besuch im Heiligen Land zuerst die Palästinenser vor Augen, obwohl Lehmann auch die Angst der Israelis vor Terroranschlägen erwähnt.

In Bethlehem steht der Kölner Kardinal Meisner, bis 1989 Bischof im geteilten Berlin, mit dem Rücken zur Sperranlage, seine Augen sind gerötet. "Ich kann da nicht hinschauen", sagt er. "Ich dachte nicht, dass ich im Leben noch einmal so etwas sehe." Damals, Ende 1989, als das SED-Regime zu Ende ging, hätten Christen in der DDR oft Psalm 18 gebetet: "Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern." Meisner begreift den Vers als ein Wort der Hoffnung: "So wie die Berliner Mauer überwunden worden ist, wird auch diese fallen. So etwas hat keinen Bestand."



www.ksta.de/, 05. März 2007


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