Leserbrief zu Das Palästinenser-Tuch von Barbara Höfler, FR-Magazin

Von Claudia Karas

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bitte um Abdruck meines Leserbriefs
betr. "Wandeltuch - Das Palästinensertuch" von Barbara Höfler, FR-Magazin vom 14.04.2007
Der Versuch der FR-Autorin, die Keffiya, die traditionelle arabische Kopfbedeckung, in Verbindung mit Antisemitismus zu bringen, ist infam. Durch ihren eurozentristischen Blick auf eine fremde Kultur bleibt ihr daher verborgen, dass die traditionelle Keffiya - das sogenannte "Palästinensertuch" - die normale Kopfbedeckung der arabisch/palästinensischen Männer ist und unbestreitbar älter als der Staat Israel.
In ihrer Verachtung dieser ihr fremden Kultur und in rassistischer Weise verhöhnt sie dieses traditionelle Tuch als "Feudel" und verortet es im "islamischen Befreiungskampf" -- wobei sie nicht einmal weiß, dass es auch christliche Araber bzw. christliche Palästinenser gibt, die wie ihre muslimischen Brüder und Schwestern einen Existenzkampf im eigenen Land führen.
Das Tuch als Symbol der Ausrottung der Juden zu bezeichnen, ist eine Lüge und bar historischer Realität! Falsche Darstellungen wie diese werden durch furchtbare Historiker befördert und sind seit Jahren Teil der systematischen Denunziation der Palästinenser als Terroristen.

Ich empfehle Ihnen und Ihrer unkundigen Autorin die dringende Lektüre der neuesten Ausgabe von INAMO Nr.49. Denn über die Mainstream-Medien wird man nicht informiert, was Robert Satloff in seinem Buch "Among the Righteous, lost stories from the Holocaust's long reach into Arab lands" bestätigt: "Clarity on this issue is important: by virtually all accounts, the mass of Arabs neither participated in nor actively supported the anti-Jewish campaign that European Fascist brought to North Africa".

In diesem Zusammenhang gehört die Tatsache, wonach der berüchtigte Naziverbrecher Walter Rauff durch den israelischen Geheimdienst geschützt wurde. Diese brisanten Beweise wurden von Shraga Elam und Dennis Whitehead in der renommierten israelischen Zeitung Haaretz publiziert und es ist bezeichnend, dass bis heute deutschsprachige Zeitungen nicht darüber berichtet haben. Statt dessen lesen wir immer die als Tatsache groß aufgemachte Spekulation über die angeblichen arabisch/palästinensischen Helfeshelfer, die Rauff bei der Realisierung der Shoah in Palästina gehabt hätte.

Mit freundlichen Grüßen


WANDELTUCH
Die Mode ist ein Feld voller Tretminen. Selten meinen die Dinge das, was sie sagen. Man muss sie zu deuten wissen. Heute: Das Palästinenser-Tuch.
Was ist nur in Deutschland los? Ganze Straßenzüge von Einzelkämpfern mit schwarz-weiß gemusterten Araber-Tüchern patrouillieren durch die Innenstädte. Boutiquen stecken mit ihnen unter einer Decke, legen das PLO-Tuch ins Schaufenster. Bei Lalaberlin gibt's den Feudel in edler Kaschmir-Version für 300 Euro. Sogar H&M brachte das Arafat-Accessoire jüngst unters Volk. Irritierend ist nur, dass die wachsende Araber-Armee vorwiegend aus 15-jährigen modebewussten Deutschen besteht. Bei ihnen steht das Palästinensertuch nicht für den islamistischen Befreiungskampf - sondern für nichts.

Dabei hat kein zweiter Quadratmeter Stoff eine ähnlich dicht gewebte Bedeutung. Am Anfang war die so genannte Kaftyia nur Sonnenschutz für arabische Bauern. Bis der Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, das Tuch 1936 in die Politik holte. Sein erklärtes Ziel war die Ausrottung der Juden, das Tuch wurde zum Symbol dafür. Europäische Hüte wurden verboten, das Palästinenser-Tuch zur Pflicht. Seit der Gründung Israels hängt es deshalb am Hals der palästinensischen Befreiungsarmee. Und von der PLO war es in den 60ern nur ein kleiner Sprung in deutsche Unis. Mitglieder des Sozialistischen Studentenbundes brachten das Tuch von Kampftechnik-Lehrgängen in Palästina mit. Arafat war ihr Idol. Seinen Kampf gegen Israel missverstanden sie als Kampf gegen jede Unterdrückung in der Welt.

Mit viel Umdeutungswillen differenzierte die deutsche Linke bis in die 90er eine richtige Pali-Kultur aus. Ein schwarz-weißes Tuch stand für Radikaldemokraten; Rot-Weiß trugen Anarchisten; Blau, Grün und Lila teilten Hausbesetzer, Frauenrechtler und Friedensbewegte unter sich auf. Erst eine Flugblatt-Aktion linker Rädelsführer , die über die faschistischen Wurzeln des Palis informierte, stoppte im Jahr 2000 die Verbreitung. Seitdem kommen Neonazis auf den Geschmack.

Kurz: Nach arabischen Bauern, palästinensischen Muftis, der Linken und den Neonazis weiß heute keiner mehr, wofür das Palästinenser-Tuch steht. In solchen Fällen schnappt sich die Mode das Deutungsrecht: Sie darf alles und will ja sonst nichts! Da kommt Che aufs Shirt, FDJ-Hemd drüber, Deutschlandfahne ins Gesicht, Iro drauf, Bomberjacke, DDR-Mäntel - alles ganz unverkrampft.

Aber wo kommen wir da hin, wenn jeder einfach jedes Symbol umdeutet? Da kann die AOK ja gleich das Anarchie-Zeichen in ihrem Logo verwursten und das Hakenkreuz steht fortan für die Ost-Erweiterung der EU! Wollen wir für die Fashion Victims mit den Palis hoffen, dass wenigstens der Verfassungsschutz noch weiß, was wann wie gemeint war oder ist. Nicht auszumalen wäre die Welle fälschlicher Verhaftungen...

Text: Barbara Höfler

FR-Magazin vom 14.04.2007


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