Brief:
Wo bleibt die Neutralität der deutschen Medien?
Von Zahi Alawi
Sehr geehrte Damen und Herren,
11.000 Palästinenser sitzen seit Jahrzehnten in israelischen Gefängnissen, mehr als ein Viertel aller Palästinenser waren bereits in israelischer Haft. Hunderttausende Palästinenser leiden Tag für Tag unter der israelischen Militärbesatzung, die den Menschen jegliche Existenzgrundlage raubt. Berichte über das tägliche Leid der Palästinenser würden problemlos mehrere Bibliotheken füllen - doch all das findet in den deutschen Medien keine Aufmerksamkeit. Stattdessen finden sich aber immer wieder reichlich Euphemismen, die dazu beitragen, in den deutschen Medien ein unvollständiges Bild über diesen Konflikt zu zeichnen. Als simples Beispiel sei hier die von den deutschen Medien als "Sicherheitszaun" bezeichnete Mauer im Westjordanland genannt, die meterhoch auf palästinensischen Boden gebaut wird und mit der beispielweise große Landenteignungen einhergehen. Der Bau neuer jüdischer Siedlungen und die systematische Abriegelung palästinensischer Städte werden in den Medien ebenso wie die unerträgliche Lebenssituation im Gazastreifen größtenteils völlig vernachlässigt.
Stattdessen erregt das Schicksal eines einzelnen israelischen Soldaten die Öffentlichkeit so sehr, dass man jegliche Verhältnismäßigkeit in den deutschen Medien völlig vermisst. Es wird berichtet über palästinensischen "Terror" und das Leid der israelischen Familie - diese Art des Journalismus trägt unweigerlich zum Aufbau von Stereotypen bei. Dazu gesellen sich sogar die Bemühungen deutscher Politiker um die Freilassung des Besatzungssoldaten. Ursache und Hintergründe, die zur Festnahme des Besatzungssoldaten geführt haben, werden dabei völlig außer Acht gelassen.
Den Vorwurf der unvollständigen Berichterstattung muss sich die "Spiegel Online"-Autorin Ulrike Putz für ihren Artikel "Das qualvolle Leiden auf die Rückkehr des geliebten Sohns" jedenfalls ohne Frage gefallen lassen. Ganze zwei Seiten widmet "Spiegel Online" dem Leiden der israelischen Familie, die auf die Freilassung ihres Sohnes wartet - elftausend inhaftierte Palästinenser werden meistens in kürzeren Meldungen mit Terror in Verbindung gebracht und genießen offenbar nicht denselben Stellenwert. Es ist von unserer Seite nichts gegen die ausführliche Berichterstattung über israelisches Leid auszusetzen, aber das journalistische Bemühen um Objektivität sollte zumindest erkennbar werden - nämlich immer beide Seiten eines Konfliktes darzustellen!
Mit freundlichen Grüßen
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,477327,00.html
18.04.2007