Das Pali-Tuch
Geschichte und Entwicklung eines Symbols

Von Samah Fakhoury

Tradition und Tracht
Das Palästinensertuch (Hatta auch Kofiya genannt) ist ein viereckiges Stück weichen weißen Baumwollstoffes, das zum Dreieck gefaltet um den Kopf gelegt wird, wobei die Zipfel auf Schultern und Nacken herabfallen. Das Tuch gehörte zur traditionellen Tracht der männlichen Landbevölkerung in verschiedenen arabischen Ländern. Die Farbe der Tücher gibt Auskunft über seinen Träger:

schwarz - weiß Palästinenser
rot - weiß Jordanier
weiß Golfstaaten
Im Sommer tragen die Araber das Tuch zum Schutz vor der Sonne. Im Winter schützt das Tuch seinen Träger vor der Kälte.

Symbol des Selbstbestimmungsrechts (1922-1948)
Während der britischen Mandatszeit über Palästina (1922-1948) kämpften die Palästinenser um ihr Selbstbestimmungsrecht und die Entstehung eines palästinensischen Staates. Die Freiheitskämpfer trugen das Tuch, um ihre Identität zu verdecken. Die britische Kolonialmacht nahm jeden fest, der das Tuch trug. Daraufhin trugen alle Palästinenser das Tuch als Protest gegen die Mandatsmacht, nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, damit die Freiheitskämpfer weniger auffielen. So ist das Tuch ein Symbol für die Selbstbestimmung und gegen den Kolonialismus sowie gegen die jüdische Besiedlung geworden.

Symbol der Zugehörigkeit (1948-1964)
Nach der Entstehung des Staates Israel im Jahre 1948 wurden mehr als 750 000 Palästinenser aus ihrer Heimat Palästina vertrieben. Statt einen eigenen Staat zu erhalten, wurden sie zu Flüchtlingen. Es sind heute mehr als 4.5 Millionen Palästinenser, die meisten von ihnen leben seit mehr als 60 Jahren in Flüchtlingslagern. Das große Ziel der Palästinenser nach 1948 war es, ihre palästinensische Identität in dieser neuen Situation zu bewahren. Die palästinensischen Flüchtlinge trugen das Tuch als Symbol der Rückkehr in ihre Heimat Palästina. Andere Palästinenser weisen mit dem Tragen des Tuches auf ihre palästinensische Identität hin.

Symbol des Freiheitskampfes (1965-1973):
Das Jahr 1965 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des palästinensischen Volkes. In diesem Jahr begannen die Palästinenser den Befreiungskampf unter der PLO (engl.: Palestine Libaration Organisation, dt.: palästinensische Befreiungsorganisation). Die palästinensischen Freiheitskampfer trugen das Tuch. Verkörpert wurde dieses Symbol durch den langjährigen Palästinenserführer Jassir Arafat.

Internationales Symbol der Solidarität (1970-1989)
Am 13. November 1974 hielt Jassir Arafat, der damals das Tuch trüg, auf Einladung der Vereinten Nationen (UN) als erster Palästinenser und als erster Repräsentant einer Freiheitsbewegung eine Rede vor der UN-Vollversammlung.

Die Rede Arafats fand weltweite Beachtung. Er legt die Probleme seines Volkes dar und streckte die Hand zur friedlichen Koexistenz aus. Viele Staaten - mehr als 100 - erkannten die PLO an. (Der erste Staat des Westens war Österreich im Jahre 1980.)

1977 beschloss die Generalversammlung, den 29. November Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk, diesen Tag alljährlich als internationalen Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu begehen. Am 29. November 1947 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution 181 (II) die Teilung Palästinas angenommen. Diese Resolution teilte Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat.

Weltweit bemächtigten die palästinensischen Studenten und Akademiker sich in den 1970ern dieses Symbols, um so ihre Verbundenheit mit dem Volk auszudrücken.

Nach und nach kam das Tuch nicht nur nach Deutschland, sondern in allen Ländern der Welt. Es wurde zum Symbol der Solidarität mit dem palästinensischen Volk.

Symbol des Friedens (90er Jahre)
Das Palästina-Tuch hat mit dem Beginn der Friedensverhandlungen zwischen Palästinensern und Israel an Bedeutung vor allem in den westlichen Ländern gewonnen. 1994 erhielt Arafat den Friedens-Nobelpreis für seine Rolle im Nahost-Friedensprozess. In den neunziger Jahren wurde das Tuch als Symbol des Friedens bezeichnet.

Modeaccessoire
In den westlichen Industriestaaten wurden die PLO-Tücher in den siebziger Jahren zum Modeaccessoire, das mit dem Flair eines militanten "radical chic" verbunden wurde. Zugleich drückte es in politischen Kreisen die Verbundenheit mit dem Freiheitskampf der Palästinenser aus.

Pali-Tücher gibt es in unterschiedlichen Qualitäten. In Europa findet man oft Billigprodukte, die nur als Halstuch geeignet sind. Hochwertige Tücher erkennt man am eingewebten oder durchgewebten Muster und an der Qualität des Gewebes. Diese sind in Spezialläden für islamische Bekleidung erhältlich und oft nicht teurer als die Billigprodukte. Heute kann man in Deutschland für rund fünfzehn Euro unter dem Etikett "Palästinensertuch" schöne neue Tücher mit Fransen in verschiedenen Farben kaufen.



14.01.2008


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