Die Gerechten (Teil 1)
Von John F. Mahoney
Gerald Kaufman
Gerald Kaufman wurde 1970 ins Unterhaus gewählt. Von 1987 - 1992 arbeitete er als Schattenaußenminister unter Neil McKinock. 2002 machte er einen TV-Dokumentarfilm "Das Ende der Affäre", in dem er seine frühere Unterstützung und seine später Desillusion mit Israel erzählt. Indem er den jüdischen Staat mit der Apartheid Südafrika vergleicht, ruft er zu wirtschaftlichen Sanktionen und einem Waffenembargo gegen Israel auf. Der Vertreterrat der britischen Juden erklärte ihn als selbsthassenden Juden. 2004 wurde er für seine Dienste im Parlament zum Ritter geschlagen. Am 15. Januar 2009 hielt Gerald Kaufmann folgende Rede im britischen Unterhaus:
"Ich bin als orthodoxer Jude und Zionist aufgewachsen. Auf einem Wandbrett unserer Küche stand eine Metalldose für den Jüdischen Nationalfond, in die wir Münzen steckten, um den Pionieren zu helfen, eine jüdische Präsenz in Palästina aufzubauen.
Meine Eltern kamen als Flüchtlinge aus Polen nach England. Die meisten ihrer Familienmitglieder wurden später von den Nazis im Holocaust ermordet. Meine Großmutter lag krank zu Bett, als die Nazis in ihre Stadt nach Staszow kamen. Ein deutscher Soldat erschoss sie im Bett.
Meine Großmutter starb nicht dafür, dass israelische Soldaten nun palästinensische Großmütter im Gazastreifen morden können. Die augenblickliche israelische Regierung nützt unbarmherzig und zynisch die bleibende Schuld ( der Deutschen) am Mord von Juden im Holocaust aus, um ihren Mord an Palästinensern zu rechtfertigen. Das heißt, dass jüdisches Leben kostbar ist, aber das Leben der Palästinenser nicht zählt.
Vor ein paar Tagen wurde die israelische Militärsprecherin Major Leibovich wegen der damals 800 getöteten Palästinenser gefragt -( inzwischen sind es mehr als 1400 ER )- Sie antwortete sofort: ‚500 von ihnen waren Militante.'
Das war die Antwort eines Nazi. Ich vermute, dass die Juden, die damals im Warschauer Ghetto kämpften, es abgewiesen hätten, als Militante bezeichnet zu werden.
Doch so viele Palästinenser auch von den Israelis umgebracht werden, so kann dieses existentielle Problem nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden. Wann immer auch der Kampf endet, es wird weiterhin 1,5 Millionen Palästinenser im Gazastreifen und 2,5 Millionen auf der Westbank geben. Sie werden von den Israelis wie Schmutz behandelt mit Hunderten von Straßensperren und mit den schrecklichen Bewohnern der illegalen jüdischen Siedlungen, die sie auch noch schikanieren. Es wird die Zeit kommen - und es wird nicht mehr so lange hin sein, dass die palästinensische Bevölkerung größer ist als die jüdische Bevölkerung.
Es wird Zeit für unsere Regierung, der israelischen Regierung klar zu machen, dass ihr Verhalten und ihre Politik unannehmbar ist und dass sie ein totales Waffenembargo gegenüber Israel durchführen muss. Es wird Zeit für Frieden, für einen realen Frieden. Die Eroberung des Landes, wie es das Ziel der Israelis ist, ist keine Lösung. Sie werden es auch nicht erreichen. Sie sind nicht nur Kriminelle, sie sind Dummköpfe.
Jeff Halper
Jeff Halper war an Bord des einen von zwei Schiffen, die Zypern am 23. August verließen, um Israels Seeblockade zu brechen und humanitäre Hilfe zur belagerten Bevölkerung zu bringen. Auf den Schiffen waren auch 44 Friedensaktivisten aus 17 Ländern, einschließlich der Schwägerin des früheren Ministerpräsidenten Tony Blair, Laureen Booth. Als Halper ein israelischer Bürger nach Israel zurückkehrte, wurde er verhaftet.
Er ist ein Anthropologe im Ruhestand der Ben-Gurion-Universität und ist der Vorsitzende von ICAHD, dem israelischen Komitee gegen Hauszerstörungen, einer Organisation, die dagegen ankämpft, dass das israelische Militär palästinensische Häuser in den besetzten Gebieten zerstört. 2006 wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. ‚Ich kann nicht weiter untätig Zeuge der Zerstörung meiner Regierung sein, die sie über ein anderes Volk bringt. Ich kann auch nicht zusehen, wie die Besatzung die moralische Substanz meines eigenen Volkes zerstört," sagte er, bevor er Israels 18 monatelanger Belagerung des Gazastreifens trotzte.
Im Januar 2009 - während Israels Invasion im Gazastreifen - floh Halper nach Kanada, wo er eine Vorlesung an der Dalhousi-Universität hielt. Der Saal war prope voll, die Zuhörer saßen im Gang und auf dem Podium. Mit klarer Stimme lobte er den Widerstand der Bevölkerung in Gaza gegen das versuchte ‚Massaker' des jüdischen Staates. Er erklärte: ‚wenn man die Palästinenser in einen Käfig sperrt, was erwartet man dann von diesen Leuten? Die Palästinenser haben ein Recht, Widerstand zu leisten."
Halper schloss seine Rede, indem er die internationale Gemeinschaft dringend bat, zur Kenntnis zu nehmen (was in den besetzten Gebieten geschieht) und offen Israels heimliches Programm zu verurteilen, Waffen zu testen und Taktiken im Kampf gegen Aufständische am palästinensischen Volk. Die Auswirkungen von Gaza sind global, klagte er an. Israel testet in Feldversuchen chemische Waffen und seine Nanotechnologieforschung für den Zweck, seine Technologie zu exportieren.
Halper sollte auch einen Vortrag im Gelber-Konferenz-Zentrum in Montreal halten, die vom Jüdischen Bund (Federation Combined Jewish Appeal) gesponsert worden war. Dies war Monate vorher geplant, musste aber in letzter Minute abgesagt werden, weil eine örtliche jüdische Gruppe, ‚Die Freunde Israels', gegen den Redner waren. Es kam schließlich dahin, dass Halper den Vortrag hielt - und zwar in der Unitarischen Kirche von Montreal.
(Jeff Halper wird am 9.5.2009 in Freiburg der Imanuel-Kant-Menschenrechtspreis verliehen, Laudator Prof. Richard Falk s.u.)
Sara Roy
Sara Roy ist eine Wissenschaftlerin am Zentrum für Nahöstliche Studien an der Harvard Universität und eine der geachtetsten akademischen Autoritäten, was den Gazastreifen von heute betrifft.
Sie gesteht ein, dass der Holocaust in ihrem Leben eine entscheidende Rolle spielt. Ihr Vater war einer der beiden Überlebenden des Chelmo-Vernichtungslagers. Ihre Mutter war eine Überlebende von Holbstadt und Auschwitz. Hunderte aus ihrer Verwandtschaft haben nicht überlebt.
Sie konzentriert sich auf das arabisch-israelische Thema, schreibt sie, und gibt mehrere Beispiele von Parallelen, wie Nazis Juden behandelt haben und wie nun israelische Soldaten Palästinenser behandeln . Sie behauptet, dass ‚beide im Prinzip absolut äquivalent sind und die Absicht haben, zu demütigen und zu entmenschlichen.'
Solch ein Kommentar durch eine Harvard-Dozentin hat Kontroversen hervorgerufen. Die jüdische Psychologin Phyllis Chesler, für die Kritik an Israel mit Antisemitismus gleich gesetzt wird, nannte Roy eine der schlimmsten Kritiker der USA und Israel.
Andrerseits feiert der Journalist Richard Silverstein sie als Prophetin, deren Brandmarkung des israelischen Militarismus den zerstörerischen Versuch amerikanisch jüdischer Organisationen herausfordert, eine falsche Einheit der blinden Unterstützung Israels aufzuzwingen, ganz egal, was Israel tut.
Dr. Roy erhebt ihre Stimme in einem Artikel des Christian Science Monitor ( 2.Januar 2009) gegen Israels kürzlich angewandte exzessive militärische Gewalt. Hier ein Auszug:
"Ich höre noch immer die Stimmen meiner Freunde im Gazastreifen, als wären wir noch immer telefonisch verbunden. Ihre Agonie klingt in mir nach …( s. IS: Sara Roy Gazakrieg109 das hab ich im Januar 2009 übersetzt ER)
Randall Kuhn
Randall Kuhn ist ein Mitglied der Denver -Ortsgruppe der jüdischen Allianz für Gerechtigkeit und Frieden (JAJP). Diese Allianz wurde 2002 gegründet und beschreibt sich selbst als Amerikas größte jüdische Organisation, die sich der Zwei-Staatenlösung des israelisch-palästinensischen Problems widmet. Mit 40 000 Unterstützern, einschließlich 1000 Rabbinern, ist es ihr Ziel, die israelischen Siedlungen aufzulösen und ein vollständiges Ende der israelischen Militärbesatzung der besetzten Gebiete seit 1967.
Kuhn ist auch ein a.o-Professor und Direktor des Globalen Gesundheitsprogramms an der Universität von Denver, Hochschule für Internationale Studien. Sein Forschungsgebiet ist das Studium menschlicher Migrationen mit dem Schwerpunkt, welche Rolle die Familie und die Gemeinde bei Wanderungen spielt. Als Israels Verteidigungsminister Ehud Barak den Angriff seines Landes auf den Gazastreifen rechtfertigte, fragte Kuhn, was würden Amerikaner wohl getan haben, wenn Tijuana, Mexiko, sieben Jahre lang Raketen in hohem Bogen nach San Diego abgefeuert hätte - eine Frage, die von einem Chor von US-Punditen und Politikern nachgeplappert worden wäre - Kuhn wusste, dass der Vergleich hinkt und zwar schwer.
Kuhn schreibt in einem Artikel der The Washington Times am 14. Januar 2009. hier ein Auszug:
Man denke darüber nach, was geschehen würde, wenn San Diego die meisten seiner spanischen, afrikanischen und asiatischen Amerikaner und die einheimische amerikanische Bevölkerung vertreiben würde - etwa 48% der Bevölkerung und sie zwangsweise in Tijuana ansiedeln würde? Nicht nur die Arbeitslosen oder Kriminellen oder die Amerikahasser, sondern auch die Lehrer, die kleinen Geschäftsleute, die Soldaten sogar die Baseballspieler.
Was würde geschehen, wenn die Regierung und die auf Glauben gegründeten Agenturen mithelfen würden, die Weißen wieder in ihre früheren Häuser zu bringen. Und was würde geschehen, wenn wir Hunderte ihrer Häuser in ländlichen Gebieten abreißen würden und mit Hilfe großzügiger Spenden von Leuten in den USA und im Ausland über ihren früheren Städten Wälder angepflanzt und Naturreservate für die Weißen zu ihrem Vergnügen geschaffen hätten. Das klingt doch ziemlich schrecklich? Ich werde nun wohl als anti-semitisch angesehen werden, weil ich diese Wahrheit ausspreche. Nun ich bin jüdisch und das eben beschriebene Szenario beschreiben viele prominente israelische Wissenschaftler: dies sei geschehen, als Israel die Palästinenser aus dem Süden Israels vertrieben haben und sie in den Gazastreifen zwang. Aber diese Analogie hat eben erst begonnen.
Was würde geschehen, wenn die UN San Diegos ausrangierte Minderheiten 19 Jahre lang in überfüllte, schwärende Lager in Tijuana einsperren würde? Dann würden die USA Mexiko überfallen, Tijuana besetzen und damit beginnen, große Wohngebiete zu bauen, in denen nur Weiße leben könnten.
Und was würde geschehen, wenn die USA ein Netzwerk von Schnellstraßen bauen würde, die Tijuana mit den USA verbinden? Dazu Checkpoints, nicht nur zwischen Mexiko und den USA, sondern auch rund um jeden Stadtteil von Tijuana? Was wäre, wenn wir von jedem Bewohner von Tijuana, ob Flüchtling oder Einheimischer, verlangen würde, seine ID-Karte dem US-Militär zu zeigen? Was wäre wenn Tausende von Tijuana-Bewohner ihre Wohnungen, ihre Arbeit, ihre Geschäfte, ihre Kinder, ihr Selbstwertgefühl an die Besatzung verlieren würden? Wäre man überrascht, wenn man von einer Protestbewegung in Tijuana hören würde, die zuweilen auch gewalttätig und hasserfüllt wäre? OK, jetzt zum unglaublichen Teil.
Denkt darüber nach, was geschehen würde, wenn nach der Vertreibung aller Minderheiten aus San Diego nach Tijuana und nach 40 Jahren brutaler Besatzung wir nur Tijuana verlassen würden, alle weißen Siedler und die Soldaten rausgehen? Anstatt ihnen nun die Freiheit zu geben, bauen wir 8 m hohe unter Strom stehende Zäune und Mauern rund um Tijuana, nicht nur auf der Seite nach San Diego, sondern auch zur mexikanischen Seite und den Kreuzungen dort . Was würde geschehen, wenn wir 20 m hohe Wachtürme mit Maschinengewehren bauen würden und ihnen sagen, dass wer innerhalb von 50 Metern neben der Mauer steht, erschossen wird. Und an vier von fünf Tagen würden wir jeden einzelnen der Grenzübergänge geschlossen halten und auch den Transport von Nahrungsmitteln, Kleidung, Medikamenten untersagen. Außerdem würden wir auch den Luftraum mit unsern hochmodernen Kampfflugzeugen kontrollieren und ihnen nicht mal Schädlingsbekämpfung erlauben. Wir kontrollieren ihre Gewässer mit Zerstörern und Unterseebooten, erlauben ihnen aber nicht einmal zu fischen.
Würde man dann gar überrascht sein, wenn man hört, dass diese Widerstandsgruppen in Tijuana, selbst nachdem sie von ihrer Besatzung ‚befreit' worden sind, aber ausgehungert werden, weiter Raketen in die USA abfeuern? Wahrscheinlich nicht. Aber man mag überrascht sein, wenn man erfährt, dass die Mehrheit der Leute in Tijuana niemals eine Rakete abgefeuert haben oder ein Gewehr oder eine Waffe irgend einer Art in der Hand hatten.
Stattdessen unterstützt die Mehrheit gegen alle Hoffnungen eine friedliche Lösung, die Sicherheit, Freiheit und gleiche Rechte für beide Völker in zwei unabhängigen Staaten bringt, die Seite an Seite als Nachbarn leben wollen. Dies ist die fundierte Analogie zu Israels militärischen heftigen Angriffen auf den Gazastreifen heute. Vielleicht wird der Tag nicht mehr fern sein, und der gesunde Menschenverstand wird sich durchsetzen und keine Sammlung irreführender Analogien über Tijuana .., wird in der Lage sein, die Wahrheit zu verdunkeln. Und in diesem Augenblick werden wir uns alle in einem Land vereinigen, in dem ‚We shall overcome..', ‚Ich bin ein Berliner' ‚Schluss mit der Apartheid!' , 'Befreit Tibet!' und ‚Rettet Darfur!' geschrieen wird - dann werden wir alle zusammen ‚Befreit den Gazastreifen! Befreit Palästina!' schreien. Und weil wir Amerikaner sind, wird die Welt davon Notiz nehmen, und sie werden frei sein, und vielleicht wird sich der Frieden für alle Bewohner des Heiligen Landes durchsetzen.
Amira Hass
Amira Hass ist die erste und einzige israelische Journalistin, die tatsächlich in den besetzten palästinensischen Gebieten lebt. Seit 1991 hat sie in Artikeln der Zeitung Haaretz Zeugnis über Israels zunehmende grausame militärische Besatzung und Siedler-Landnahme Zeugnis abgelegt. 2003 erhielt sie den UNESCO/ Guillermo Cano-Weltpresse Freiheitspreis für ihr hervorragendes professionelles Engagement und ihre Unabhängigkeit. Sie ist mit einem biblischen Propheten verglichen worden, der die biblischen Israeliten mit ihrem moralischen Versagen konfrontiert hat.
Amira wurde 1956 in Jerusalem als Tochter von zwei Holocaustüberlebenden geboren. An der Hebräischen Universität studierte sie die Geschichte des Nazismus und die Beziehungen der europäischen Linken zum Holocaust. Sie hat Israel einen Apartheidstaat genannt mit Privilegien, die hauptsächlich Juden vorbehalten sind. 2001 wurde sie vom Jerusalemer Magistratgericht zu 60 000 $ Strafe verurteilt, weil sie die jüdische Siedlergemeinde von Beit Hadassa verunglimpft haben soll. Am 1. Dezember 2008 wurde sie von der israelischen Polizei bei der Rückkehr nach Israel vom Gazastreifen verhaftet, wohin sie mit einem Boot der ‚Befreit-Gaza-Bewegung' gereist war, um ihre Opposition gegen Israels Blockade zu demonstrieren.
Hier ein Auszug aus ihrem Artikel von Haaretz vom 7. Januar 2009:
Wie gut dass meine Eltern tot sind. 1982 konnten sie nicht den Lärm der israelischen Kampfflugzeuge ertragen, die über die palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon flogen. Der grässliche Ton eines Flugzeuges erschreckte sie in ihrem Haus in Tel Aviv. Wir müssen es nicht sehen, um zu wissen, sagten sie.
Bevor die Sprach-Waschmaschine ihre augenblickliche Raffinesse entwickelt hat, waren meine Eltern
von Sätzen angewidert wie ‚der Krieg für Frieden in Galiläa' oder ‚Störung der öffentlichen Ordnung', als die öffentliche Ordnung die Besatzung war und die Unruhe der Widerstand dagegen war
…Wie gut, dass sie nicht mehr leben, und Ehud Barak und Zipi Livnis Erklärung hören, dass sie nichts gegen das palästinensische Volk haben und der Kabinettsminister erklärt, es gebe keine humanitäre Krise und dass dies nur Hamaspropaganda sei. Um Lügen zu erkennen, benötigten meine Eltern keine Namen der Leute, die fünf Tage lang oder länger kein fließendes Wasser haben. Vergiss die Bombardements, die Stromsperre, die nicht vorhandenen Lebensmittel, das nicht Schlafen können. Aber kein Wasser? Wegen der Bombardements vom Meer her, vom Land und aus der Luft wagen sich die Leute nicht nach draußen, um Wasser am städtischen Wasserhahn zu holen. Und wenn jemand zu Hause fließendes Wasser hat, dann ist es untrinkbar.
Auf Grund der Geschichte meiner Eltern wussten sie, was es heißt, wenn Menschen in einem kleinen Areal hinter Stacheldraht eingesperrt sind. Ein Jahr, fünf Jahre, 10 Jahre. Ab 1991. Wie gut, dass sie nicht mehr erleben, wie diese im Gefängnis lebenden Menschen mit all der ruhmreichen militärischen Technologie Israels und der USA bombardiert werden. "Wir laden dringend Mohamed ElBaradei ein, er solle herkommen und nachweisen, dass wir keine Nuklearwaffen haben", sagt Iyad - ein wohlbekannter Komiker, sogar noch während des Bombardements. Aber Samstagnacht sagte er nur noch ‚schwierig, schwierig,' und hängte den Hörer auf.
Die persönliche Geschichte meiner Eltern brachte sie dahin, die lockere Art zu verachten, wenn der Nachrichtenansager über Ausgangssperren berichtete. Wie gut, dass sie nicht mehr hier sind und nicht hören können, wie die Menge im Kolosseum brüllt.
Brent Rosen
Brent Rosen ist der geistliche Führer der jüdischen Rekonstruktionisten Kongregation von Evanston, Illinois, ein Amt, das er seit zehn Jahren inne hat. 2008 wurde er vom Newsweek-Magazin als einer der 25 Spitzenkanzelrabbiner Amerikas geehrt. Am 28. Dezember 2008 schrieb Rabbiner Rosen eine öffentliche Mitteilung an seine Kongregation über das, was im Gazastreifen geschieht. Was veranlasste diesen jüdischen Führer seiner Kongregation gegenüber und darüber hinaus seine Meinung deutlich zu vertreten? Die Gräueltaten. Hier ist seine öffentliche Mitteilung:
Die Nachrichten von heute aus Israel und dem Gazastreifen machen mich krank. Ich weiß, ja ich höre schon die Reaktionen: jede Nation hat eine Verantwortung für die Sicherheit ihrer Bürger. Wenn keine Qassems mehr abgeschossen werden, wäre Israel nicht gezwungen, eine militärische Aktion zu unternehmen. Die Hamas trägt auch Verantwortung für diese tragische Situation. Ich könnte jedem einzelnen auf diese Behauptungen abwechselnd antworten. Aber ich mag dieses perverse Spiel des rhetorischen Ping-Pong nicht mehr.
Ich glaube diese vernünftige Betrachtung nicht mehr. Ich habe diese Entschuldigungen satt. Wie soll bloß das Vernichten des Lebens im Gazastreifen, geschweige das Bombardieren …die Sicherheit der israelischen Bürger gewährleisten? Wir guten liberalen Juden sind bereit, gegen die Besatzung und die Verletzungen der Menschenrechte in aller Welt zu protestieren, aber wir sind zu schnell bereit, Israel eine Freikarte zu geben.
Es ist ein faszinierendes Messen mit zweierlei Maß, das ich nur zu gut verstehe. Ich verstehe dies, weil ich genau so verantwortlich bin wie jeder andere, der dies tut. Also keine vernünftigen Betrachtungen mehr. Was Israel den Menschen im Gazastreifen angetan hat, sind Gräueltaten. Dies hat den Menschen in Israel keine Sicherheit gebracht und nichts als Elend und eine Tragödie für die Menschen des Gazastreifens.
Das habe ich gesagt und was kann ich jetzt tun?
Eines der Dinge, die Rabbiner Rosen getan hat, war, einen Brief an Präsident Obama zu unterzeichnen zusammen mit 1011 anderen Rabbinern im ganzen Land. In dem Brief riefen sie den neunen Präsidenten auf, sich der Aufgabe zu widmen, einen lebensfähigen palästinensischen Staat in Frieden neben Israel zu errichten.
Richard Falk
Richard Falk ist Professor Emeritus für Internationales Recht an der Princeton Universität. 2007 schrieb er in einem Artikel " Slouching toward a Palestinian Holocaust ( etwa: "Langsam in einen palästinensischen Völkermord rutschen") " Es ist besonders schmerzlich für mich als amerikanischer Jude, gezwungen zu sein, die anhaltende und intensiver werdende Misshandlung des palästinensischen Volkes durch Israel durch eine so entsetzliche Metapher wie den ‚Holocaust' zu porträtieren. Ist es eine unverantwortliche Übertreibung, die Behandlung der Palästinenser mit diesem kriminellen Nazi-Rekord kollektiver Gräueltaten zu verbinden? Ich denke nicht."
Im März 2008 wurde Falk zum UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in den besetzten Gebieten ernannt. Am 14. Dezember reiste er nach Israel, um einen Bericht zu verfassen, inwieweit sich Israel an den Standard der Menschenrechte und das Völkerrecht hält und mit dem speziellen Fokus der Auswirkungen von Israels Blockade auf den Gazastreifen.
Israel war vorher von seinen Plänen informiert. Aber als er in Tel Aviv ankam, wurde ihm die Einreise verweigert, er wurde in eine Haftzelle gesperrt und einer Leibesvisitation unterzogen. Dann wurde er in einen verschlossenen Raum gesteckt, in dem schon fünf andere Verhaftete eng zusammen waren, die Luft nach Urin stank, die Bettwäsche schmutzig war, das Essen ungenießbar und das Licht blendete. Zusammengefasst: der UN-Sonderberichterstatter war 30 Stunden verhaftet, bevor er in ein Flugzeug gesetzt wurde, das ihn aus dem Land brachte.
Kurz nach seinem misslungenen Versuch, die Palästinenser unter Besatzung zu erreichen, fiel Israel in den Gazastreifen ein. Am 2. Januar 2009 erschien in der Huffington Post ein Artikel, in dem Falk folgenden Schluss zog.
"Die Bevölkerung des Gazastreifens ist ein Opfer der Geopolitik, wie sie ihren unmenschlichsten Höhepunkt erreicht hat. Israel führte einen Krieg, den es selbst ‚totalen Krieg' nannte, gegen eine im wesentlichen wehrlose Bevölkerung, der es an jeder Fähigkeit militärischer Verteidigung mangelt und darum sehr verletzlich gegenüber Israels Angriffen von F-16-Bombern und Kampfhubschraubern ist.
Dies bedeutet auch, dass die eklatanten Verletzungen des internationalen humanitären Rechts, wie sie von den Genfer Konventionen festgelegt wurden, still und heimlich beiseite geschoben wurden, während das Gemetzel weiterging und die Leichen aufgehäuft wurden. Dies bedeutet außerdem, dass die UN - wie jetzt wieder deutlich wurde - machtlos ist, wenn seine Hauptmitglieder sie ohne den politischen Willen lässt, ein Volk zu schützen, das ungesetzlicher Anwendung von Gewalt großen Ausmaßes ausgesetzt ist.
Schließlich bedeutet dies, dass die Öffentlichkeit laut schreiend in aller Welt demonstrieren kann, dass das Töten aber weitergeht, als ob nichts geschieht. Das Bild, das Tag für Tag im Gazastreifen entsteht, ist eines, das inständig um ein erneuertes Engagement des Völkerrechts und die Autorität der UN-Charter bittet, indem man hier in den USA damit beginnt, besonders mit der neuen Führung, die seinen Bürgern eine Veränderung versprochen hat, einschließlich einer weniger militaristischen Methode ….
Teil 2: Avi Shlaim, Michael Ratner, Greta Berlin und Henry Siegman
The Link Band 42, April-Juni
(dt. Ellen Rohlfs)