Palästinensischer Gefangener:
Sie haben meine Tochter zweimal ermordet -
mit israelischen Kugeln und israelischen Gesetzen
Von Nazir Mjalli
Nasser Abdulkader ist einer von vielen palästinensischen Gefangenen. Er ist sehr deprimiert und sein Herz ist von Schmerz erfüllt. Eine Woche lang hat er so sehr darunter gelitten, dass die israelischen Behörden ihm die Teilnahme an der Beisetzung seiner Tochter verboten haben. Er konnte sich nicht von ihr verabschieden. Gestern wurde er endlich freigelassen, nachdem zwei Knessetabgeordnete für ihn gebürgt hatten.
Abdulkader ist 39 Jahre alt. Er wurde vor zwei Monaten verhaften, weil er ohne eine israelische Arbeitserlaubnis auf einem Feld für Beerenfrüchte in dem arabischen Dorf Al Kalnswa in Israel erwischt worden war. Er musste in der Haft auf seinen Prozess warten. Am vergangenen Dienstag rief ihn seine Frau an, um ihm die traurige Nachricht zu übermitteln, dass seine 14-jährige Tochter von der israelischen Armee ermordet worden war.
Am jenem sonnigen Herbsttag ging das Mädchen Doaa Nasser Abdulkader mit einer gleichaltrigen Freundin vor ihrem Haus spazieren, welches in der Nähe der Trennmauer in Faroun, einem Dorf in Tulkarem, liegt. Auf beide Mädchen wurde das Feuer eröffnet. Abdulkaders Tochter war auf der Stelle tot. Ihre Freundin hat überlebt.
Es wurde festgestellt, dass ein wachhabender israelischer Soldat auf sie geschossen hat. Er behauptete in seinem Verhör, dass er sie für "palästinensische Terroristen" gehalten hätte.
Die israelische Regierung geriet wegen dieser kriminellen Tat in Verlegenheit. Die israelische Armee übernahm die Verantwortung und suspendierte den Soldaten und den verantwortlichen Offizier vom Dienst. Die Militärpolizei leitete sofort ein Untersuchungsverfahren gegen beide ein.
Die Verlegenheit der israelischen Regierung widerspiegelte sich aber nicht in ihrem Verhalten gegenüber dem gefangenen Vater des ermordeten Mädchens. Er stellte einen Antrag auf eine zeitweilige Freilassung, um an der Beerdigung seiner Tochter teilzunehmen und einen letzten Blick auf sie zu werden. Der Antrag wurde abgelehnt.
Er wendete sich an die Justiz und stellte einen Antrag auf Freilassung gegen Kaution. Aber der Antrag landete zu seinem Pech nicht bei dem zuständigen Gericht, und als er das zuständige Gericht erreichte, war es zu spät. Die Tochter war schon längst beigesetzt worden. So sah der Richter keine "dringenden Gründe“ für die Freilassung und die Klage wurde abgewiesen.
Er legte gegen dieses Urteil Berufung beim Obersten Gericht ein. Die Staatsanwaltschaft revidierte ihre Position und genehmigte seine Freilassung unter zwei Bedingungen: Zahlung einer Kaution in Höhe von 2.400 US-Dollar und Bürgschaft von zwei Personen aus Israel für diese Kaution.
Er fand Unterstützung bei den beiden Stellvertretern der israelischen Parlamentspräsidentin Dr. Ahmad Al-Tibi, dem Präsidenten der arabischen Reformbewegung und bei Zhafa Ghlawen, dem Fraktionschef der Linkspartei Meretz. Sie haben die Kaution für ihn bezahlt und gebürgt. So wurde er gestern freigelassen und kam nach Hause.
Seine Geschichte wurde dank der unermüdlichen Bemühungen des arabischen Abgeordneten Al-Tibi und jüdischer Menschenrechtsorganisationen in ganz Israel bekannt. Als er das Gefängnis verließ, befragten ihn mehrere Journalisten nach seiner Meinung, aber die Polizei verbot ihm jegliche Aussage und brachte ihn in einem Auto mit verhangenen Fenstern nach Hause.
Abdulkader bedankte sich bei allen, die sich für seine Freilassung eingesetzt haben. Er kritisierte aber die israelischen Behörden aufs schärfste für ihr unmenschliches Verhalten. Er fügte hinzu: "Sie haben meine Tochter zweimal ermordet“.
Ferner sagte Abdelkader, dass er freiwillig unter jämmerlichen Zuständen in Kalnswa gearbeitet hat, um seine vier Kinder ernähren zu können. Er bearbeitete den Acker und schlief auf dem Boden. Es waren nicht einmal elementare Lebensbedingungen vorhanden. Er war ständig in Gefahr, getötet zu werden. Die Polizei und der Grenzschutz verfolgten ihn und andere palästinensische Arbeiter aus dem Westjordanland, die wie er ohne israelische Arbeitserlaubnis arbeiteten. Sie schossen ohne einen Moment zu zögern mit scharfer Munition auf sie. Er fügte hinzu: „Ich habe jeden Moment erwartet, dass ich tödlich getroffen werde, aber das war mir gleichgültig. Ich wollte meine Kinder ernähren. Der Tod war für mich tausendmal leichter, als meine Kinder hungrig zu sehen. Nicht einmal im Traum habe ich mir ausgemalt, meine Tochter einmal ermordet zu sehen.“
http://www.asharqalawsat.com, 24.12.2006
Für Freunde Palästinas:
(ar-dt. M. Chreidah)