Wer rettet die Palästinenser aus der Hölle im Irak?
Von Fahmi Howeidi
Es ist eine der verschwiegenen Taten in den Akten über die Morde im Irak. Die allmorgendliche Berichterstattung, die jedes mal von einem "neuen blutigen Tag" spricht, wird von Informationen über Bombenexplosionen, über Selbstmordattentaten gegen die Besatzungstruppen und Mitglieder des Staatsapparates, gegen Sunniten und Schiiten, und über Geschehnissen in den kurdischen Stadtteilen beherrscht. Dabei wird nur selten über das Leid der dort seit rund sechs Jahrzehnten lebenden Dreißigtausend Palästinenser berichtet, die fast täglich dem Schrecken und dem Völkermord ausgesetzt sind. Es ist wohl wahr, dass auch andere den gleichen Leiden ausgesetzt sind, aber mit dem Unterschied, dass man deren Weherufe hört. Sie sind außerdem Einheimische und haben im Irak ihre Sippen und Stämme, bei denen sie Schutz und Unterkunft finden können.
Die Palästinenser dagegen sitzen in Bagdad fest. Nur wenige von ihnen wohnen in Mosul und Basra (jeweils Eintausend). Sie haben alle keine andere Zufluchtstelle. Sie wanderten in den vierziger Jahren in den Irak ein und blieben dort, deshalb wurden sie nicht in die Akten der UNO-Flüchtlingshilfsorganisation (UNRWA) eingetragen. Aus diesem Grund ist ihre Rechtslage unklar - sind sie Flüchtlinge, Gäste, Einwanderer, Einwohner oder Vagabunden? Sie haben deswegen keinen Status oder höhere Instanz. Dies erlaubt es den Todesschwadronen und kriminellen Banden sowie anderen ähnlichen Gruppen, die seit der Besetzung den Irak überschwemmt haben, diese Minderheit zu überfallen und skrupellos gegen sie vorzugehen, wie im folgenden berichtet wird.
Mir ist vor einigen Tagen die Dezemberausgabe der Zeitschrift, "das muslimische Palästina" in die Hände geraten. Ich stolperte über einen Bericht des Bagdad-Korrespondenten der Zeitschrift Mohammad Al-Mohammadi. Er beschrieb darin, was den Palästinensern in der Wohnsiedlung im Stadtteil Bagdads "Baladiat" geschah. Dort leben 1.600 Familien in 800 Wohneinheiten, durchschnittlich zwei Familien in einer 60 m² großen Wohnung.
Am 27. Ramadan, nach dem Tarawih-Gebet, welches in Ramadan nach dem Nachtgebet verrichtet wird, wurde die Wohnsiedlung mit Artillerie beschossen, drei Einwohner wurden getötet und dreizehn verletzt, zwei davon schweben noch in Lebensgefahr. Kaum verheilten die Wunden der Opfer, als sie von den Besatzungstruppen überfallen wurden, weil - wie es immer heißt - sie Terroristen Unterschlupf gewähren würden.
Der Korrespondent schilderte, was in dieser verhängnisvollen Nacht geschah: "Genau um ein Uhr nach Mitternacht stürmten die amerikanischen Besatzungstruppen die Wohnungen und setzten dabei Sprengstoff, Lärm- und Schallbomben ein, um die Türen aufzusprengen und die Einwohner zu terrorisieren. Dazu setzten sie auch Polizeihunden ein, die den Kindern eine Höllenangst eingejagt haben."
Sie stürmten eine Wohnung unter dem Vorwand, sie würden nach einem gesuchten Terroristen fahnden. Sie schlugen den Vater mit dem Gewehrkolben auf den Hinterkopf, dann griffen sie den stark blutenden Vater und legten ihm Handschellen an. Das gleiche musste seine Frau erfahren, auch sie wurde gefesselt in eine Ecke neben ihrem Mann geschoben. In diesem Moment kam eine der Frauen mit ihrem Kind an der Hand heraus. Sie haben ihr das Kind aus der Hand gerissen und gedroht, sie würden es in gefangennehmen, falls sie sie nicht zu den gesuchten Terroristen führen würde. Eine andere Frau kam auch heraus. Sie wurde in die Küche geschleppt und aus dem gleichen Grund mit Gefangenschaft bedroht.
Die Szenerie spielte sich bis zum Morgengrauen weiter so ab. Der Vater, dessen Gesicht blutüberströmt war, die Mutter, andere Frauen und die Mädchen lagen alle gefesselt auf dem Boden. Die Frauen heulten aus Angst und wegen der Schläge, die ihnen die Amerikaner verpasst haben. Da die Mission erfolglos war, verließen sie die Familie in diesem Zustand.
Eine zweite Gruppe stürmte eine andere Wohnung. Eine Frau wurde an den Haaren gezogen mit der Behauptung, sie sei die Frau eines Gesuchten. Sie führten sie den Anwohnern vor, um nach deren Beziehung zu den Gesuchten zu fragen. Da sie nichts herausfinden konnten, haben sie eine 90-jährige Frau angegriffen, die auf ihrer kleinen Matratze auf dem Boden schlief. Die Frau hatte 200 US Dollar versteckt, die ihr im Ausland lebender Sohn geschickt hatte. Sie bettelt um Gnade, aber sie stießen sie zur Seite und nahmen das Geld.
Eine weitere Wohnung wurde ebenfalls durchsucht. Dort haben sie den Menschen ihr Geld und ihr Gold gestohlen, nachdem sie sie mit Händen und Füßen geschlagen haben. Der Vorwand war immer der gleiche: sie würden gesuchte Terroristen verstecken. Sie tasteten die 15-jährige Tochter ab und belästigten sie sexuell. Ihr 12-jähriger Bruder wurde so lange geschlagen, bis sein Gesicht blutüberströmt war.
In einer vierten Wohnung nahmen sie den Ehemann fest und schlugen ihn genüsslich. Dann zogen sie dessen Frau an den Haaren und schleppten sie mit seiner Schwester unter Schlägen ins Badezimmer und fotografierten sie in Schlafanzügen. Danach brachten sie die Frau vor ihren Mann und drohten ihm, sie vor seinen Augen zu vergewaltigen, falls er nicht gestehe, wo die Terroristen versteckt wären. Dann wurden alle drei gefesselt mit verhüllten Köpfen ins Gefängnis geschleppt. Der Überfall wurde um 4:30 Uhr beendet. Das Ergebnis war die Festnahme von sechs Männern und drei Frauen. Es wurden dabei rund 9.000 US-Dollar gestohlen und eine ganze Menge Gold beschlagnahmt. Obendrein wurde die Einrichtung der vier Wohnungen ruiniert.
Trotz allem, was diese Menschen erleben mussten, war es um sie besser bestellt als um andere. Die meisten Palästinenser im Irak leiden nicht nur unter Demütigungen und Angst, sie werden auch misshandelt, gequält und ermordet. Es steht heute fest, dass die Palästinenser im Irak seit Beginn der Besatzung im Jahr 2003 einer schrecklichen Hetzkampagne ausgesetzt werden, um sie zu vertreiben. Daran sind mehrere Satellitenfernsehsender beteiligt, wie "Al-Iraqia", "Al-Furat" und "Al-Faihaa", sowie Regierungszeitungen "Al-Sabah" und private Zeitungen wie "Al-Fatah". Dies ist Teil einer palästinenserfeindlichen Politik, von Schwierigkeiten in der Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnisse bis zu den willkürlichen Festnahmen durch die irakische Polizei.
Es ist kein Geheimnis mehr, dass einige Akteure seit dem Beginn der Besatzung darauf gezielt haben, die Palästinenser zu terrorisieren und zu demütigten. Sie werden fälschlicherweise für Anhänger des gestürzten Regimes gehalten. Dabei sind die Palästinenser seit der Zeit der Monarchie im Irak sesshaft. Die irakischen Truppen, die sich 1948 am Krieg in Palästina beteiligt haben und in der Nähe von Jenin stationiert waren, brachten die ersten Flüchtlinge mit, die aus ihren Dörfern in der Nähe von Haifa nach Jenin geflüchtet waren und sich in der Nähe der irakischen Truppen versammelten. Ihre armen Wohnsiedlungen sind ein überzeugender Beweis gegen die Behauptung, dass sie unter dem Baath-Regime Privilegien genossen hätten.
Die antiarabischen Ansätze hatten klare Impulse erhalten und kriminelle Banden nutzten die Gelegenheit, um die ungeschützten Palästinenser zu entführen und sie um Geld zu erpressen. Nicht zuletzt auch meinten die radikalen fromme Schiiten als Verfechter der ethnischen Säuberung, dass die sunnitischen Palästinenser in Bagdad, Basra und Mosul ihre Pläne torpedieren würden. So war es erforderlich, sie mit jedem Mittel aus dem Weg zu räumen, selbst mit Mord. Sie waren eine leichte Beute, weil sie keine Unterstützung hatten.
Ich erhielt unlängst von Khaled Mashaal, dem Leiter der politischen Vertretung der Hamas, zwei wichtige Dokumente über die Lage der Palästinenser im Irak. Das erste dokumentiert die wichtigsten Übertretungen gegen die Palästinenser zwischen 2003 und 2006. Darin wurden alle Übertretungen nach dem Datum eingetragen, Monat für Monat innerhalb dieses Zeitraums. Das zweite Dokument umfasst die Namen von 170 im gleichen Zeitraum ermordeten und identifizierten Palästinensern. Neben jedem Namen der Toten stehen detaillierte Informationen über ihre private und berufliche Lage, ihre Heimatdörfer und die Orte, wo sie ermordet wurden. Es geht aus diesem Dokument hervor, dass 90 Prozent der Ermordeten gebürtige Iraker waren. Ihre Großväter flüchteten 1948 in den Irak. Die meisten von ihnen waren Universitätsdozenten, Handwerker, Geschäftsleute, Beamte und einfache Arbeiter.
Im ersten Jahr nach der Besetzung wurden mehrere Akte der Misshandlung von Palästinensern dokumentiert, wie die Bombardierung und Schändung der palästinensischen Botschaft, die Verhaftungen der Angestellte einschließlich des Botschafters, die Angriffe mit Raketen und Splitterbomben auf "Baladiat", die größte Wohnsiedlung der Palästinenser in Bagdad, die Vertreibung der palästinensischen Familien aus ihren vom alten Regime bezahlten Mietwohnungen, nachdem sie mehr als 30 Jahre drin gewohnt haben. Hinzu kommt auch die Ermordung des Universitätsprofessors Hussameddin Mahmoud Al-Asaad.
Die Lage spitzte sich seit 2003 zu und die Unruhen wurden in den nächsten Jahren auf eine größere Fläche ausgedehnt, insbesondere nachdem der Widerstand stärker wurde. Das war ein Vorwand für die Festnahme, Folter und Ermordung von Palästinensern. Es sieht so aus, dass man sich im Jahr 2006 kein Argument für die Ermordung der Palästinenser mehr ausdenken musste, vor allem nachdem die Vertreibung der Sunniten aus Bagdad eine offensichtliche Politik geworden war, die durch Akteure in der Armee durchgeführt war. Die Regierung drückte dabei beide Augen zu. Die Besatzungstruppen schauten untätig zu, es war ihnen möglicherweise auch recht, weil sie damit den Sunniten, die ihnen durch ihren unaufhörlichen Widerstand Probleme bereiteten, eine Lektion erteilen wollten.
Ich kann durchaus nachvollziehen, warum die irakische Regierung und die amerikanischen Truppen zu diesen Untaten nur schweigen. Ich weiß auch nicht genau, wie weit die palästinensische Regierung und die Hamas in dieser Angelegenheit gehen können. Aber was ich überhaupt nicht verstehen kann ist, warum die Situation von der Arabischen Liga ignoriert wird und warum die arabischen und internationalen Menschenrechtsorganisationen sich die Frage dieser Palästinenser nicht zu eigen machen.
http://www.asharqalawsat.com, 27.12.2006
Für Freunde Palästinas:
(ar-dt. M. Chreidah)