Besuch aus der Hölle



Tagsüber waren wir in der Stadt, ohne von bewaffneten Soldaten belästigt zu werden. Wir fuhren ca. 70 km über Land, ohne dass ein Checkpoint die Fahrt unterbrach und flapsige junge Leute in Waffen und Uniform uns mit Fragen nach dem Woher und Wohin belästigten. Vor und nach dem Abendessen haben wir unsere Hände gewa-schen, ohne sonderlich auf sparsamen Wasserverbrauch zu achten. Das elektrische Licht brennt, und der Fern-seher schweigt nur deshalb, weil wir es so entschieden haben. Jetzt sitzen wir im Zimmer - Niveen und Khalid, Amal und ich. Draußen, auf den Straßen unseres Dorfes in der Magdeburger Börde, ist es ruhig - weder rasseln Panzerketten, noch heulen Sirenen von Armeefahrzeugen, es sind weder Schreie noch Schüsse zu hören. Nur zweimal dringt der ganz andere Alltag Hebrons ein: als Khalid keine Telefonverbindung zu seinem Bruder zu-stande bringt (was dann aber nur daran lag, dass der Bruder im Internet surfte oder mailte) und als Niveen bei einem Anruf erfährt, dass Jordanien für alle Palästinenser die Grenze zu Israel dicht gemacht hat.
Amal aus Leipzig übersetzt meine Fragen und die Antworten der Gäste aus Hebron.

E.H.: Niveen Qabaga und Khalid Dodeen: wir freuen uns sehr, dass Sie auf Ihrer Reise durch Deutschland auch den Weg nach Magdeburg zur Vereinigung der Freunde Palästinas gefunden haben. Ohne alle arabische Höflichkeit frage ich Sie ganz direkt: Wer sind sie? Woher kommen Sie?

Khalid: "Wir" sind eigentlich eine achtköpfige Gruppe - die anderen sind Studenten, die jetzt in Berlin bei unseren Gastgebern sind. Es sind Studenten der Universität Birzeit bei Ramallah (www.birzeit.edu) und vom Polytechnikum für Bauwesen in Hebron. Wir wohnen alle in Hebron.

Niveen: Ich bin Bauingenieurin und will ein weiteres Studium beginnen, wenn man in Palästina wieder studieren kann. Inzwischen arbeite ich in der Nichtregierungsorganisation (NRO) "Save the Children" in Hebron.

Khalid: Ich bin Abteilungsleiter für die Zusammenarbeit zwischen NROs und Behörden der Palästinensischen Autonomiebehörde im Ministerium für Zivile Angelegenheiten. In dieser Zeit sind vor allem die humanitären Organisationen gefragt. Die Besatzungsmacht sorgt dafür, dass sie nicht arbeitslos werden. (Er lächelt grimmig) Aber die Besatzungsmacht erschwert die Arbeit und macht sie zuweilen unmöglich. Wie soll eine Organisation unter Bedingungen der Ausgangssperre und bei Abriegelung ganzer Ortschaften ihre Aufgaben erfüllen? Jetzt läuft das so: wenn durch die Besetzung in einem Ort die Arbeit unmöglich geworden ist, gehen die Leute der Organisationen in einen anderen Ort, wo sie arbeiten können, und wenn die Besetzung aufgehoben wird, kehren sie zurück.

E.H.: Sie sitzen vor mir, also kann man als Palästinenser nach Europa reisen. Also ist das gar nicht so schlimm mit der israelischen Besatzung?

Khalid: Die Israelis haben doch nichts dagegen, wenn wir ausreisen (er lächelt wieder auf seine eigentümliche Art) - je mehr Palästinenser ausreisen und nicht wiederkommen, um so besser. Unser Problem sind die Genehmi-gungen, die uns die Rückreise ermöglichen, und die Papiere, die den Transit durch Jordanien erlauben. Wir waren acht Tage lang unterwegs, um von Hebron nach Amman zu kommen. Beim ersten Versuch wurden wir an der Grenze von den Jordaniern zurückgewiesen, weil wir kein jordanisches Visum hatten. Nach Hebron konnten wir nicht zurück, weil die Stadt geschlossen war nach dem Kampf, bei dem zwölf israelische Soldaten getötet wurden.

Niveen: Wir sind dann wieder nach Jericho und haben es schließlich erreicht, dass wir die Papiere bekamen. Ich habe gerade erfahren, dass Jordanien seit heute überhaupt keinen Palästinenser aus Israel ins Land lässt. Wir haben die Menschen in Jericho gesehen, die dort schon seit Tagen auf die Erlaubnis zur Einreise nach Jordanien warten. Es sollen Tausende sein - wir konnten sie nicht zählen. Wir wollen nur hoffen, dass nicht auch die Israelis die Grenze schließen - für Palästinenser, die aus Jordanien zurückkehren wollen. Das hat es übrigens schon gege-ben! Dann bitten wir in Deutschland um Asyl. (Diesmal lacht sie.)

E.H.: Mitglieder unserer Vereinigung waren in den vergangenen Jahren mehrmals in Palästina, und diese In-formations- und Solidaritätsreisen haben uns jedes mal nach Hebron geführt. Wie ist gegenwärtig die Situation in Hebron, "the hell of Palestine", wie ein Freund in Ramallah sagte?

Niveen: Wir beide wohnen nicht in der Altstadt von Hebron, wo es am schlimmsten ist, aber zwei Studentinnen aus unserer Gruppe. In der Altstadt hat die israelische Besatzungsmacht schon zu Beginn der Intifada die wo-chenlange Ausgangssperre ausprobiert, die inzwischen in allen palästinensischen Städten zur Praxis geworden ist - als Rache für Angriffe auf Soldaten und Siedler. Wenn Sie in Hebron waren, erinnern Sie sich vielleicht an die Schützenstände aus Beton und Sandsäcken an den Straßenkreuzungen und an die stählernen Unterstände auf den Dächern der Wohnhäuser in der Altstadt. Ausgangssperre in Hebron bedeutet für die Palästinenser jetzt: acht bis zehn Tage Hausarrest, dann zwei Stunden Ausgang.

E.H.: Wie - jeden Tag nur zwei Stunden?

Niveen: Nein, nach den acht bis zehn Tagen einmal zwei Stunden. Es gibt zwar keine Stromsperre, aber wenn die Soldaten bei ihren wilden Schießereien das Elektrizitätsnetz beschädigen, kann sich die Reparatur aufgrund der Ausgangssperre lange hinziehen. Leitungswasser kommt alle zehn Tage. Sie können sich vielleicht denken, dass dann alle gleichzeitig einen Wasservorrat schaffen wollen, so dass es aus der Leitung nur tröpfelt. Sie erinnern sich an die Regenwasserzisternen auf fast allen Dächern in Palästina? Sie sind ein beliebtes Ziel für die israelischen Soldaten. Darüber, wie die sanitären Verhältnisse unter diesen Bedingungen aussehen, will ich lieber nicht sprechen.

Khalid: Das Ziel der Israelis ist klar: in Hebron wurde nicht nur die Ausgangssperre getestet, in der Altstadt von Hebron wird auch getestet, wie viel Not und Demütigung die Palästinenser ertragen, bis sie ihr Haus, ihre Stadt und zuletzt ihr Land räumen - das ist der "freiwillige Transfer", die "freiwillige ethnische Säuberung". Zunächst geht es jetzt darum, die Verbindung zwischen der Siedlung Kiryat Arba und Al-Haram al-Ibrahimi (der Abrahams-Moschee) herzustellen. Sie erinnern sich? In der Höhle Machpela liegen Abraham, sein Sohn Isaak und sein Enkel Jakob mit ihren Frauen begraben. Dort tötete 1994 der Siedler Goldstein 29 betende Palästinenser. Die Israelis beschlagnahmten einen Teil der Moschee und machten daraus eine Synagoge mit der Begründung, dass diese Stätte bis zum Jahre 1267 Synagoge, Kirche und Moschee war - der Erzvater Abraham ist der letzte Prophet, den alle drei Religionen gemeinsam verehren. Jetzt dürfen Muslime dort schon seit langem nicht mehr beten. Die Altstadt von Hebron liegt zwischen der Siedlung und der Moschee - sie soll ethnisch gesäubert und von jüdischen Israelis besiedet werden.

Niveen: Palästinenser, die es sich leisten können, sind aus der Altstadt zu Verwandten gezogen oder haben an-derswo eine Wohnung gefunden. Unseres Wissens hat niemand von ihnen Palästina verlassen. Wer es sich nicht leisten kann, muss die Ausgangssperre mit all ihren Schikanen ertragen. Mit der "Sicherheit des Staates Israel" wird auch gerechtfertigt, dass die Soldaten die Bewohner eines Hauses aus ihren Wohnungen vertreiben, wenn sich auf dem Dach ein Posten befindet. In einigen Wohnungen des Hauses muss ein Mieter bleiben, als "Versiche-rung" gegen die Sprengung durch palästinensische Patrioten.
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E.H.: Sagen Sie bitte: was hat Sie nach Deutschland geführt?

Khalid: Am 29. November werden viele Menschen in der Welt den "Internationalen Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk" begehen, der vor 25 Jahren von der UNO beschlossen wurde. Wir wollen aus diesem Anlass vor allem jungen Leuten, Studenten, unsere Situation schildern. Wie kann man studieren, wenn entweder die Studenten oder die Professoren wegen einer Ausgangssperre die Wohnung nicht verlassen dürfen? Wenn wenige Kilometer Entfernung zwischen Wohnort und Universität durch Checkpoints praktisch nicht mehr zu überwinden sind?

Niveen: Wir beide waren in Leipzig und konnten mit Studenten der Universität diskutieren. Wir freuen uns, dass uns heute nachmittag der Mitteldeutschen Rundfunk interviewte.
Die anderen Freunde unserer Gruppe waren in Hamburg, und in der nächsten Woche werden wir alle in Berlin Begegnungen mit Stundenten und Organisationen haben.

E.H.: Welche Ziele verfolgt Ihre NRO "Save the Children"?

Niceen: "Save the Children" ist eine Organisation mit Sitz in den USA und Arbeitsgruppen in vielen Staaten der USA und in zahlreichen Ländern der ganzen Welt. (www.savethechildren.org/mac_mideast.shtml). In Palästina arbeiten seit zehn Jahren mehrere Gruppen, meine Gruppe hat ihren Sitz in Hebron. Eine Gruppe besteht aus 20 bis 25 Personen.
Wir betreuen Kinder, die durch die Besatzung, die Ausgangssperren - das Eingesperrtsein auf engstem Raum, durch den Beschuss aus Panzern und Hubschraubern selbst verwundet wurden, die durch den Tod oder die Ver-wundung von Eltern und Geschwistern traumatisiert sind. Aber auch die Lehrerinnen und Lehrer brauchen unsere Hilfe.
Ich kann meine Fachkenntnisse bei Projekten nutzen, die mit dem Bau von Einrichtungen für Kinder, z.B. Schu-len, zu tun haben. Solche Projekte benötigen wegen der Besatzung und der Ausgangssperre viel mehr Zeit, als unter normalen Arbeitsbedingungen erforderlich wäre.
Manchmal kann man verzweifeln. Da haben wir zum Beispiel eine Straße projektiert, die zum Schulweg von Kindern in Hebron gehört. Der Zustand der Straße war sehr schlecht. Wir hatten aus internationalen Fonds 120 Tausend Dollar zur Verfügung. Die Straße wurde saniert. Als sie zur Hälfte eine Asphaltdecke erhalten hatte, kam ein Panzer der Besatzungsarmee, fuhr einmal auf der Straße hin und zurück - und die Arbeit von Wochen war zunichte.

E.H.: Und was sagen Ihre Geldgeber in den USA dazu?
Nichts. Der offizielle Grund der Israelis war wie immer die "Sicherheit des Staates Israel"..


E.H.: Was erwarten Sie von Ihren Freunden in Deutschland?

Wir bitten sie, sich über unsere Situation nicht nur aus den Massenmedien zu informieren.
Wir bitten sie, uns zu unserem Recht zu verhelfen, das in zahlreichen Resolutionen der Vereinten Nationen und des UN-Sicherheitsrates festgeschrieben ist.
Wir bitten Sie, Ihre Politiker und ihre Medien aufzufordern, sich für die Einhaltung der UN- und UN-Sicherheitsrats-Resolutionen durch die israelische Regierung einzusetzen.

Ernst Herbst:      23.11.02