Der palästinensische Politiker Farouk Kaddumi über
den Abzug der Israelis aus Gaza und die Zukunft der Palästinenser:

    "Zu einem Palästinenserstaat gehören Gazastreifen und Westjordanland"


Aus den Ereignissen nach dem Abzug der Israelis aus dem Gazastreifen schlussfolgert der palästinensische Außenminister und Leiter der Politischen Abteilung der PLO, Farouk Kaddumi, dass die israelische Regierung dort keinen Frieden wünscht. Für die Volksstimme fragte Gerald Semkat den Politiker. Den Kontakt hatte Maher Fakhoury von den Freunden Palästinas Sachsen-Anhalt e. V. hergestellt. Er übersetzte auch den Text des schriftlich geführten Interviews.

Volksstimme: Herr Kaddumi, wie sehen Sie die Zukunft des Gazastreifens nach dem Abzug israelischer Siedler in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht?

Farouk Kaddumi: Die Ereignisse nach dem Abzug der israelischen Armee und der Siedler lassen darauf schließen, dass die Regierung Scharon keinen Frieden im Gazastreifen wünscht. Israel erkennt den Gazastreifen nicht als befreite Region an, sondern erklärt ihn zur "verbotenen Zone".

Israel will aus dem Gazastreifen einen Landfl ecken machen, auf dem die Palästinenser ihren unabhängigen Staat gründen können. Die "Roadmap" verlangt aber den Abzug Israels aus allen besetzten palästinensischen Gebieten. Leider finden wir beim "Quartett" keine ernsthaften Schritte, um dies durchzusetzen.

Es gibt keinen Zweifel, dass Scharon meint, mit dem einseitigen Abzug aus Gaza brauche er das palästinensische Volk nicht als Partner in Friedensverhandlungen anzuerkennen. Das ist ein klarer Rückzug Israels aus allen seinen Verbindlichkeiten für eine politische Lösung, angefangen mit den Osloverträgen und anderen Protokollen.

Volksstimme: Wie wollen Sie darauf reagieren?

Kaddumi: Bei allen diesen Erklärungen Scharons glauben wir, er möchte, dass wir uns nur mit dem Gazastreifen beschäftigen und das Westjordanland vergessen, wo er neue Siedlungen gründen will. Das ist eine große Illusion, die in den Denkstrukturen Scharons und seiner regierenden Gruppe begründet ist. Wir werden das Westjordanland, das er immer noch besetzt hält, und die Siedlungen, die er auf ihrem Boden gebaut hat, nicht vergessen.

Volksstimme: Folglich wird es auf dem Gebiet des Gazastreifens nicht zur Ausrufung eines palästinensischen Staates kommen?

Kaddumi: Es ist nicht akzeptabel, einen unabhängigen palästinensischen Staat nur im Gazastreifen auszurufen. Es geht dort um den Aufbau einer Nationalen Behörde aller nationalen und islamischen Kräfte mit unabhängigen aktiven Persönlichkeiten. Wir werden unsere Bemühungen im Gazastreifen auf die wirtschaftliche Entwicklung und auf den Aufbau der Infrastruktur für die palästinensische Gesellschaft richten. Wir wollen den Flughafen restaurieren und betreiben, wollen den Hafen am Mittelmeer aufbauen, die Trinkwasserversorgungverbessern und den Gazastreifen mit Strom versorgen, weit entfernt von Israel. Wir werden uns in den genannten Bereichen auf die Unterstützung unserer Brüder in Ägypten verlassen. Unser "Rat für wirtschaftliche Entwicklung und Aufbau", den wir Anfang 1994 gebildet haben, wird mit seiner Struktur die Arbeit wieder aufnehmen.

Volksstimme: Dieser überbevölkerte Küstenstreifen wird die Menschen nicht ernähren können. Befürchten Sie nicht, dass nach der Freude über den Siedlerabzug wieder viele Hoffnungen enttäuscht werden?

Kaddumi: Der Streifen mit seiner hohen Bevölkerungsdichte wird nicht in der Lage sein, die Menschen zu ernähren, das stimmt. Es muss daran gearbeitet werden, die israelische Besatzung nun auch im Westjordanland zu beenden. Zum Westjordanland gehören 97 Prozent der seit 1967 besetzten palästinensischen Gebiete. Vor uns liegt die kontinuierliche Arbeit, mit allen Mitteln zu erreichen, dass Israel aus den 1967 besetzten Gebieten einschließlich Jerusalems verschwindet. Falls wir das nicht erreichen, werden weitere Generationen die politische und die gewaltsame Auseinandersetzung führen.

Volksstimme: Käme es zu Verhandlungen zum Thema Westjordanland, wäre Ihre Verhandlungsposition nicht besonders stark. Was könnten Sie als Kompromissvorschlag einbringen?

Kaddumi: Es scheint, dass die israelische Regierung mit Scharon an der Spitze Verhandlungen nicht will. Sie erkennt die PLO nicht an, obwohl Israel und die PLO sich längst gegenseitig anerkannt haben. Das ist ein Rückschritt, der auch uns von Verpfl ichtungen entbindet, die wir eingegangen sind. Falls Israel auf Grund seiner Machtposition in diesen Tagen glaubt, dass niemand es stoppen kann, wird es seine Fehler in der Zukunft zu spüren bekommen, egal, wie lange das dauert.

Die Unterschiede zwischen den Arabern und Israel sind Unterschiede im Niveau der Technologie. Diese Unterschiede können die Araber mit der Zeit beseitigen, sie werden dann das besitzen, was Israel schon besitzt: Massenvernichtungswaffen.

Falls Israel Sicherheit und das friedliche Zusammenleben mit den Palästinensern wünscht, sind wir bereit, mit ihnen im Rahmen eines einzigen Staates zu leben. Dann wird Israel erkennen, dass die arabische und islamische Normalisierung der Beziehungen echt und nicht vorgetäuscht ist. Israel wird keine Sicherheit und Stabilität bekommen, auch wenn es die Illusion hat, es könne seine Sicherheit mit Stärke durchsetzen. Scharon hat schon einmal eine Enttäuschung erfahren, als er der israelischen Gesellschaft Sicherheit innerhalb von 100 Tagen versprochen hat. Die Intifada dauert inzwischen fünf Jahre.

Volksstimme: Sie stehen und sprechen für eine palästinensische Gruppierung im Gazastreifen?

Kaddumi: Wir stehen für den palästinensischen Widerstand mit allen seinen Gruppen ohne Unterschied. Wir können nicht zwischen der einen Widerstandsgruppe und der anderen Gruppe unterscheiden. Wir alle haben eine einzige Strategie, das ist der Widerstand gegen die israelische Besatzung.

Volksstimme: Aber offensichtlich unterscheiden sich die Methoden doch sehr.

Kaddumi: Falls die Mittel und Methoden der Gruppen sich unterscheiden, betrifft das die tägliche Taktik als Ergebnis der Erfahrungen und Anstrengungen jeder Widerstandsgruppe. Niemand erhebt einen Anspruch auf die Vielfalt aller Mittel und der Methoden des täglichen Widerstands im Rahmen der Strategie, die wir festgelegt haben: das ist der Widerstand gegen die israelische Besatzung.

Volksstimme: Wie groß ist der Einfl uss extremistischer Kräfte derzeit?

Kaddumi: Festzustellen, dass es extremistische Kräfte gibt, heißt, dass es Differenzen im politischen Streben, aber nicht beim Widerstand gibt. Falls es extremistische Kräfte gibt, ist es zuerst nötig, diese Kräfte kennen zu lernen, dann müssen wir mit ihnen einen Dialog führen. So können wir vielleicht herausfi nden, was uns zusammenbringt. Aber auch eine politische Opposition gehört zu einer humaneren demokratischen Gesellschaft. Wir achten darauf, dass sich in dieser Periode alle politischen Kräfte an der Führung der Angelegenheiten der palästinensischen nationalen Autonomiebehörde beteiligen, die in unserem politischen Arbeitsprogramm von 1974 entstanden. Das Programm wurde als das "Programm der zehn Punkte" bezeichnet.

Volksstimme: Wo sehen die Palästinenser Partner?

Kaddumi: Unsere Partner sind alle freien Menschen dieser Welt, die den Krieg ablehnen und den Abzug Israels und der USA aus Palästina und dem Irak fordern. Die Antikriegsdemonstrationen sind ein Beweis dafür, dass die Völker dieser Welt in Frieden, Sicherheit und Stabilität weit ab von Besatzung und internationalem Terrorismus leben möchten. Es sind die freien Menschen, die solidarisch sind mit den Völkern, die für ihre Befreiung, Unabhängigkeit und Souveränität kämpfen.

Quelle: Volksstimme http://www.volksstimme.de
08.10.2005



  

  
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