"Weil wir selbst Verfolgte waren ..."
Holocaust-Überlebender gegen Verbot von Kritik an Israel. Ein Gespräch mit Reuven Moskovitz
Gitta Düperthal
* Der Holocaust-Überlebende und israelische Friedensaktivist Reuven Moskovitz ist 2003 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet worden
Am Mittwochabend war ein Vortrag von Ihnen im Martin-Buber-Haus in Heppenheim geplant. Sie wurden jedoch vom Internationalen Rat der Christen und Juden ausgeladen. Was war der Grund?
Man behauptet, ich würde gegen die Israelis hetzen und wolle Deutschland von der Schuld der Judenvernichtung lösen, um die israelische Politik besser kritisieren zu können. Dabei behaupte ich natürlich nicht, daß es den Holocaust nicht gab. Ich sage nur, israelische Politiker sollen nicht dem Opferstatus verhaftet bleiben und glauben, das gäbe ihnen das Recht, Kriege zu führen. Wir vertreiben Menschen aus ihrer Heimat, enteignen und verfolgen sie, wir nehmen ihnen ihre Identität und ihren Besitz. Und dann sagen wir: Wir sind die Opfer. Das muß aufhören.
Übrigens war ich einer der letzten Schüler des Philosophen Martin Buber, der gar nichts anderes gesagt hat als ich. Deshalb tut mir die Ausladung auch besonders weh.
Aber die Deutschen sind die Täter gewesen ...
Ja, natürlich. Aber deshalb darf man die Deutschen nicht in der Kritik an Israel einschränken. Viele waren einem Schurken verfallen, der große Reden auf das tausendjährige deutsche Reich hielt. Viele waren aber auch Opfer, denn Deutschland selbst wurde in Schutt und Asche gelegt. Meine Botschaft ist keineswegs: Hört auf, aus der Geschichte zu lernen. Ganz im Gegenteil. "Nie wieder" - die Losung nach dem Zweiten Weltkrieg - muß aufrechterhalten bleiben, es darf keinen Krieg mehr geben.
Nie wieder Krieg - Ist das Ihr Hauptanliegen?
Ja, nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Vereinten Nationen sich einig gewesen: Es muß eine Politik geben, die zum sozialen Frieden führt. US-Präsident Bush will eine Restauration der Verhältnisse in der Welt, die es in der Vergangenheit schon einmal gab. Er will den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Auch die israelischen Politiker - nicht das Volk - gehen diesen Weg. Sie wollen die Unterdrückung etablieren und den Rechtsstaat aushebeln. Die israelischen Politiker sind nicht willens, die Selbstbestimmung der Palästinenser zu gewährleisten und sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen. Dagegen wende ich mich.
Ist das die Schlußfolgerung aus Ihrer Geschichte als Holocaust-Überlebender?
Durch den Holocaust habe ich meine Kindheit verloren. Als ich elf war, wurden wir in Rumänien ins Ghetto vertrieben. Dort in Transnistrien ging es um das Überleben, ich mußte Brot stehlen. Wir wurden in einer Synagoge zusammengepfercht. Es gab Typhus und Läuse. Aber ich möchte nicht über die Vergangenheit sprechen. Denn gerade weil wir damals selbst Verfolgte waren, sollten wir niemals wieder Verfolgung zulassen und mit aller Kraft am Friedensprozeß mitwirken.
Quelle:http://www.jungewelt.de/2007/11-17/019.php, 17.11.2007