Diese Mauer ist verrückt
Interview mit dem Erzbischof Fuad Twal
Josef Wallner: Was macht den palästinensischen Christen zurzeit am meisten zu schaffen?
Erzbischof Twal: Wir Christen in Palästina bilden kein Ghetto, sondern sind ein Teil des palästinensischen Volkes. Wir müssen von der Situation aller reden: die Lage ist schwer für alle. Für die Christen, die eine Minderheit von kaum zwei Prozent sind, ist sie besonders bedrohlich.
Wallner: Worin besteht das Grundproblem?
Twal: In der Mauer. Sie ist eine schwere Diskriminierung. Sie schneidet die Leute von Arbeitsplätzen und Spitälern ab, sie nimmt vor allem den jungen Menschen die Hoffnung. Die Mauer ist verrückt.
Wallner: Israel sagt, dass dadurch die Selbstmordattentate zurückgegangen sind . . .
Twal: Die Mauer schafft keinen Frieden. Sie steht auf palästinensischem Land, sie raubt palästinensischen Familien ihre Existenzgrundlage. Die Mauer sagt: Wir Israelis sind die Starken, ihr seid die Schwachen. Das ist nicht Friede. Denn Friede bedeutet Gerechtigkeit, wo niemand mehr in Angst leben muss. Wichtig ist, dass man aber nicht nur an die sichtbare Betonmauer denkt.
Wallner: Sondern, woran noch?
Twal: Die Mauer ist ein Ausdruck von Hass, von Angst, von Nichtverstehen. Die Mauer zeigt, wie Israel die Palästinenser sieht. Diese unsichtbare, innere Mauer richtet ebenso viel Schaden an wie die äußere.
Wallner: Hat nicht der Wahlsieg der Hamas die Lage noch auswegloser gemacht?
Twal: Nein. Es haben auch Christen die Hamas gewählt, weil sie hoffen, dass sie in den Städten und Dörfern geordnetere Verhältnisse bringen wird. Und vielleicht auch mehr Gerechtigkeit.
Wallner: Sie sehen also Chancen?
Twal: Ja, weil der Hass und das Nichtverstehen alle kaputt macht: Israelis und Palästinenser. Als erstes muss die Mauer der Herzen niedergerissen werden. Das heißt Israelis und Palästinenser müssen miteinander reden und Vertrauen zueinander fassen. Und dann wird viel möglich sein: die Hamas wird Israel anerkennen - das wird kommen. Und Israel wird die Rechte der Palästinenser anerkennen. Israel wird seine Position verlassen, die derzeit in seiner unumschränkten Stärke besteht.
Wallner: Aber bislang wird gestritten, ob man überhaupt mit der Hamas reden kann? Wie halten Sie das als Bischof?
Twal: Nach der Wahl hat die Hamas Kontakt mit uns aufgenommen. Wir Bischöfe werden natürlich mit ihnen reden, aber auf Regierungsebene. Da die Regierung gerade erst bestätigt wurde, gab es noch keine Gespräche.
Wallner: Halten Sie Kontakt zu jüdischen Israelis?
Twal: Selbstverständlich. Wir treffen uns monatlich in einem Rat für Juden, Moslems und Christen. Es gibt nicht wenige Juden, die einen gerechten Frieden wollen. Zusätzlich zu den Kontakten halte ich das Gebet für sehr wichtig. Ich bete für alle, für Moslems, Christen und Juden. Friede gibt es nur gemeinsam.
Wallner: Man sagt, vielen Menschen in Palästina geht es ziemlich schlecht. Ist das so?
Twal: Die Politik Israels macht das Leben der Palästinenser so schwer. Der alltägliche Kampf um das Leben ist hart. Da hat der Glaube oft Nachrang. Aber das muss man verstehen. Wir sagen unseren Gläubigen, dass es eine große Berufung ist, als Christen im Heiligen Land zu leben - doch die Leute denken: wie sollen wir Lebensmittel kaufen, wie können wir Schulgeld bezahlen und wo finden wir Arbeit.
Wallner: Haben Sie Hoffnung auf eine Besserung?
Twal: Ja, denn Jerusalem ist die Stadt der Überraschungen. Die erste Überraschung war die Auferstehung Jesu. Das gibt mir Hoffnung und ich tue alles dazu, was in meinen Kräften steht, dass die Menschen hier einmal wie eine Familie leben können.
Zur Person: Erzbischof Fuad Twal
Erzbischof Fuad Twal ist der designierte Nachfolger von Michel Sabbah, dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem. Msgr. Twal (geb. 1940) stand im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls, ab 1992 war er Erzbischof von Tunis. Seit seiner Studentenzeit hält Fuad Twal Kontakte zu Oberösterreich.
Quelle: www.kirchenzeitung.at, 06.04.2006