Berichte vom Alltag aus den besetzten Gebieten

Auf dieser Seite finden Sie einige aktuelle Berichte und Briefe von Patenkindern sowie einer unserer Mitarbeiterinnen in Palästina, die Auskunft über die aktuelle Situation in Palästina geben, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven...

Alle Kinderbriefe werden mit freundlicher Genehmigung der Pateneltern veröffentlicht, natürlich unter Weglassung der Namen.





21.10.2002, Brief aus Ramallah

Ich heiße Haneen und lebe mit meiner Familie, meinen Eltern und meinen beiden Brüdern, in einer Wohnung in Ramallah. Wir alle leiden sehr unter der Ausgangssperre. Die Ausgangssperre wird jeden Tag von 6:00 - 17:00 Uhr aufgehoben, nur freitags nicht [Freitag ist der Sonntag der Palästinenser] Dieses Regime herrscht in Ramallah seit 25 Tagen, seit die israelische Besatzungsarmee den Amtssitz von Arafat niedergerissen hat. Jede Nacht hoffen wir, dass die Ausgangssperre aufgehoben wird. Unser Leben ist davon abhängig, es gibt keine andere Ordnung mehr.

Zur Zeit arbeite ich, aber viele Menschen hier haben keine Arbeit mehr oder sie können ihre Arbeitsstelle nicht erreichen. Es gibt zu viele israelische Kontrollpunkte ("Checkpoints") und die Straßen sind schwer zu passieren. Einer meiner Brüder geht arbeiten, mein anderer Bruder hat bis jetzt noch keine Arbeit gefunden, obwohl er Akademiker ist. Die Arbeitszeit endet hier um 16:00 Uhr, ich habe dann keine Zeit mehr, private Einkäufe zu erledigen. Das gleiche gilt für meinen Bruder. Meine Mutter ist die einzige, die Lebensmittel für die Familie einkaufen kann. Sie kauft ein, was die Familie braucht, kann aber keine privaten Einkäufe für jeden einzelnen von uns erledigen.

Wir arbeiten um Geld zu verdienen, oder wir fahren in die Stadt zum Einkaufen. Es ist besser, wenn man eine halbe Stunde vor Beginn der Ausgangssperre zu Hause ist, weil sich in jeder Straße und an den Eingängen von Schulen und Universitäten israelische Kontrollpunkte befinden. Schon vor 17.00 Uhr werfen die israelischen Soldaten an den Kontrollpunkten Gasgranaten und schießen in die Luft um uns deutlich zu machen, dass die Ausgangssperre beginnt! Viele Menschen warten jeden Tag auf das Ende ihrer Arbeitszeit, damit sie einkaufen gehen können. Diese Situation ist für uns sehr schwierig, der Markt überfüllt, es sind viele Kinder und Frauen dort.

Gestern musste ich auf den Markt gehen. Die Soldaten fingen an zu schießen und Gasgranaten zu werfen, es war erst 16.10 Uhr! Die Menschen rannten aus Angst nach Hause. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie groß unsere Angst ist. Man bekommt Mitleid mit den Menschen. Ich sah zwei kleine Kinder, die vor dem Supermarkt weinend bei ihrem Vater standen. Sie wollten nur einige Süßigkeiten. Aber der Vater musste mit ihnen schnell nach Hause gehen. Ich konnte es nicht mehr ertragen, ging zu den Soldaten und schrie sie an, sie dürften jetzt noch nicht schießen. Dann kamen einige Jungs, sie fassten mich an und drängten mich zur Seite, damit die Soldaten nicht auf mich schießen.

Alle Menschen sind schnell verschwunden. Viele Kinder und Frauen schrieen aus Angst. Einige haben es nach Hause geschafft, konnten aber vielleicht nichts einkaufen. Viele Menschen waren auch sehr verärgert. Sie hoffen, dass sie morgen einkaufen können. Ich kam nach Hause und hatte einen gewaltigen Zorn auf die Soldaten. Ich denke sehr oft an die beiden Kinder, sie kennen doch die Bedeutung der Ausgangssperre nicht, sie sehen nur, dass der Vater ihnen keine Süßigkeiten kaufen konnte.

Unser Tag unter israelischer Besatzung endet so: Es ist niemand auf der Straße, alle sind zu Hause. Wir können nirgendwo hin, können unsere Verwandten oder Freunde nicht besuchen und müssen hoffen, dass es morgen keine Ausgangssperre gibt. Wir wissen nicht, ob wir morgen zur Arbeit gehen können um Geld zu verdienen und einzukaufen. Mein Bruder wollte gestern mit dem Auto von der Arbeit nach Hause kommen. Aber das Auto ging kaputt, er konnte es nicht reparieren. Und die Zeit war zu kurz, er konnte auch nicht mehr nach Hause zurück. Er musste bei seinem Freund übernachten.

Dies ist nur ein Tag von den schwierigen Tagen, die jeder hier von unserem Volk jetzt erlebt.


Brief aus einem palästinensischen Flüchtlingslager: (in der Nähe von Jenin)

Liebe B.
gestern musste ich nach Jenin fahren, um ein paar Besorgungen zu machen. Ich möchte dir erzählen, wie so eine "Reise" hier verläuft... es ist ein ganz typisches Beispiel für unseren Alltag.
Ich bin sehr früh aufgestanden…..es war ein kalter Tag, es regnete und stürmte. Ich ging zur Busstation in unseren Flüchtlingslager und wartete auf den Mini-Bus, der uns nach Jenin bringen sollte. Nach einer Stunde kam er, und wir begannen unsere Fahrt nach Jenin Richtung Westen, nicht Norden, da es die einzige passierbare Straße nach Jenin ist, allerdings auch die Längste. Wir fuhren durch viele Dörfer, bevor wir Qabatyeh erreichten, den gefährlichsten Checkpoint auf dem Weg nach Jenin. Dort waren 3 Panzer und viele Soldaten, es ist eine Art millitärischer Basis.
Sie schrien uns an: TERRORISTEN anhalten, aussteigen.. und sie richteten ihre Gewehre auf uns, und der Leiter sagte: "Alle Araber raus aus dem Bus." Wir stiegen raus und warteten auf das, was sie mit uns machen würden. 3 von ihnen kamen zu uns, die anderen blieben in der Nähe der Panzer stehen, und verlangten unsere Personalausweise…… Sie nahmen alle Ausweise und gingen zurück zu den Panzern. Nach 2 Stunden kamen sie wieder und sagten, sie würden die Frauen gehen lasen, aber die Männer sollten bei den Soldaten bleiben, bis ihre Namen beim Ministerium für Verteidigung überprüft wurden.
Nach endloser Zeit kam der Leiter schimpfend zurück und sagte zynisch: "Heute werden wir euch noch nicht töten, wir werden euch nochmal gehen lassen, außer ….( ich) . …… Du wird bei uns bleiben, weil wir sich so lieben!". Für meine Freunde war es unmöglich, mir zu helfen….. sie mussten gehen, und ich blieb bei den Panzern.
Dann befahlen sie mir, meine Oberbekleidung hochzuheben, damit sie kontrollieren könnten, ob ich eine Bombe am Körper habe. Dann musste ich ihnen meine Kleidung ausziehen und ihnen geben. Sie warfen alles auf den Boden, in den Schlamm und das schmutzige Wasser, und alle lachten!!!! Dann warfen sie meinen Ausweis zwischen die Sträucher und fragten mich, ob ich weiter nach Jenin reisen will….. Ich holte meine Kleidung aus dem kalten Wasser, weil ich mich sehr schämte, ohne Kleidung weiterzugehen….. Ich fühlte mich wie ein Eisblock und hatte starke Kopfschmerzen.
Ich musste über 5 Kilometer weiter im Regen laufen, bis ich in Jenin war. Dort kaufte ich einige Sachen für die Kinder zum Eid-Fest. An der Bushaltestelle konnte ich mit dem Bus zurückfahren…
Wir versuchten einen anderen Weg zurückzufahren, aber jedes mal mussten wir umkehren. Die Straßen sind nicht mehr passierbar. Wir trafen einen alten Mann, und der zeigte uns noch einen anderen Weg. Wie durch ein Wunder konnten wir Jenin verlassen. Wir fuhren weiter duch einen Olivenhain, bis wir unser Lager erreichten. Ich merkte, dass ich Fieber bekam und ich war sehr müde... Wir alle hoffen, dass wir bald wieder in Frieden leben können...

Checkpoint in Nablus, November 2002 - (c) Reuters