Situation in Palästina

Typische "Straße" in einem Flüchtlingslager

Nach Angaben der Weltbank und der führenden isrealischen Tageszeitung "Haaretz" leben bereits mehr als 70 Prozent der Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen unter der Armutsgrenze von weniger als 2 Dollar pro Tag. Die Arbeitslosigkeit liegt zurzeit über 50%.

Chronische und akute Mangelernährung unter den Kindern unter fünf Jahren ist weit verbreitet und wächst schnell an. Jedes fünfte Kind leidet unter schwerer Unterernährung (dpa - 25.07.2002).

Die Zahl der Palästinenser, die Lebensmittelhilfe benötigen, nimmt von Tag zu Tag zu. Laut einer Analyse der US-amerikanischen Agentur für Internationale Entwicklung (USAID) benötigen fast 50 Prozent aller Palästinenser (einschließlich Flüchtlinge) Lebensmittelhilfe von Außen, um ihren täglichen Kalorienmindestbedarf zu decken.

Entgegen der Darstellung in den Medien seien palästinensische Kinder vor allem Opfer des Konflikts, hieß es weiter. Nur ein Prozent von ihnen beteiligten sich an den Straßenkämpfen. Allerdings steige die Gewaltbereitschaft unter den Heranwachsenden.

50 Prozent der untersuchten 320 Haushalte gaben an, Geld leihen zu müssen, um Grundnahrungsmittel kaufen zu können. 16 Prozent der Haushalte verkaufen zu diesem Zweck ihren persönlichen Besitz.

Infolge der Militäreinsätze im März und April 2002 hat die Zahl der Hauszerstörungen seit Beginn der Intifada um mindestens 50 Prozent zugenommen. Das palästinensische Wohnungsministerium berichtet, dass zwischen September 2000 und Februar 2002 nahezu 720 Häuser von der israelischen Armee (IDF) vollständig zerstört und 11.553 Häuser beschädigt wurden. 73.600 Menschen waren betroffen. Allein im März und April 2002 wurden in Flüchtlingslagern noch einmal 881 Häuser zerstört und 2.883 beschädigt; betroffen waren davon schätzungsweise 22.500 Bewohner.

Die ärztliche Behandlung von Palästinensern, die auf dem Land leben und solchen, die unter chronischen Krankheiten leiden wie Nierenleiden, Diabetes, Krebs oder Hypertonie (Bluthochdruck), wurde unterbrochen aufgrund mangelnder Erreichbarkeit bzw. mangelnder Verfügbarkeit von ärztlichen Leistungen. Das Kinderschutzimpfungssystem ist zusammengebrochen.

Die Gewalt beeinträchtigt zunehmend auch den Alltag der Heranwachsenden im Westjordanland, dem Gazastreifen und in Israel: 80 Prozent der palästinensischen Eltern gaben UN-Berichten zufolge an, dass sich das Verhalten ihrer Kinders seit dem erneuten Ausbruch des Konfliktes verändert habe. Sie litten an Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Angstzuständen. Zwei Drittel leiden nach Angaben der Eltern unter Traumata und Stress. Psychische Erkrankungen oder Auffälligkeiten bei jeweils einem oder mehreren Familienmitgliedern wurden in 87 Prozent aller Haushalte festgestellt.

Bericht vom 06.11.2002 aus Gaza

Um sich Schulbücher zu kaufen, verkauft ein Junge sein Fahrrad
Von Saleh Al Ni'ami

Die Frustration war ihm ins Gesicht geschrieben. Ala (16) wartet stundenlang, um sein Fahrrad zu verkaufen. Und er ist nicht der einzige Junge, der am Freitagmorgen auf dem Faras Markt steht (größter Flohmarkt in Gaza,) um seinen Fahrrad zu verkaufen.

"Ich möchte mir Schulbücher kaufen... Mein Vater ist arbeitslos und hat kein Geld dafür", sagt Ala, Schüler an einem Gymnasium. "Ich habe keine andere Wahl, als mein Fahrrad zu verkaufen", sagt er und schaut verlegen. Wenn er sein Fahrrad verkauft, muss er jeden Tag 2 Kilometer zur Schule laufen. Jeder der Jungen hat eigene Gründe, um sein Fahrrad zu verkaufen. Deshalb haben sie sich entschlossen, jeden Tag gemeinsam zur Schule zu laufen. Die extrem schlechte wirtschaftliche Lage hat die meisten Bewohner im Gazastreifen gezwungen, ihren Besitz und "Luxusgüter" zu verkaufen. Freitags und samstags verkaufen viele Bewohner des Gazastreifens ihren Besitz auf dem Faras-Markt, um für den Erlös dringende Sachen zu besorgen. Die Menschen verkaufen sogar ihr persönliches Eigentum, wie Fernseher und Möbel. Seit Beginn der Intifada haben viele Frauen im Gazastreifen ihren Schmuck verkauft, um ihre Familien im täglichen Leben zu unterstützen.

Ghassan Al Jama, der in einem Flüchtlingslager in der Mitte des Gaza-Streifens wohnt, sagt, dass seine Frau eine goldene Kette beim Juwelier verkaufte, die er ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt hatte. Seit Beginn der Intifada ist Ghassan arbeitslos, seitdem haben sie all ihren Schmuck verkauft, um wenigstens noch das Notwendigste für das tägliche Leben besorgen zu können. Ghassans Frau ist im neunten Monat schwanger, und sie planen jetzt den Verkauf ihrer letzten Halskette, um die Kosten des Krankenhauses bezahlen zu können.

Mehr als 60% der Menschen in Gaza leben unter der Armutsgrenze, und mehr als 56 % sind jetzt arbeitslos. Mehr als 1,3 Millionen Menschen leben auf 365 Quadratkilometern, während mehr als ein Drittel dieses Bereichs von 4.000 Siedlern kontrolliert wird.

Quellen: