Der Nahostkonflikt

Viele fragen sich, wie es im israelisch-palästinensischen Konflikt weiter gehen wird. Ich will nicht Prophet spielen, denn laut der jüdischen Tradition wurde die Prophethie - nach der Zerstörung des ersten Tempels - den Idioten übergeben.

Um mich davor zu bewahren, idiotisch zu wirken, stütze ich mich bei der Herstellung einer Prognose oder der möglichen Szenarios - wie das Weissagen wissenschaftlich heisst - auf eine Quelle, die sich bis jetzt leider als sehr zuverlässig erwiesen hat. Trotzdem merke ich, dass meine Berufskollegen, die Journalisten und Redakteure, für diese Information nicht so gern einen Platz zur Verfügung stellen. Unweigerlich kommt mir dann die Geschichte vom Bauern in den Sinn, der das erste Mal in seinem Leben einen Zoo besuchte. Als er eine Giraffe sah, blieb er lange kopfschüttelnd vor dem Gehege stehen. Am Schluss sagte er: "Ein solches Tier gibt es nicht."
Ein Art Giraffendasein stellen die Richtlinien der israelischen Armee für die Aktionen gegen die PalästinenserInnen dar. Es handelt sich um einen Plan namens "Dornenfeld", welcher schon 1996 entworfen wurde und ab Oktober 2000 durch den sehr renommierten US-Experten Anthony Cordesman der Öffentlichkeit per Internet zur Verfügung gestellt wurde (www.friedenjetzt.ch/ShragaElam/Plan-Dornenfeld.html).

Obwohl mittlerweile viele der Maßnahmen, die in der Operation Dornenfeld erwähnt sind, schon verwirklicht wurden oder dabei sind, umgesetzt zu werden, weigern sich die ‚Bauern', die die Felder der Medienlandschaften bearbeiten, diese Giraffe zu berücksichtigen.

Das war nicht immer so. 1997 schrieb der ‚Jerusalem Report' folgendes über die Operation "Dornenfeld":

"Sie ist das Szenario für ein Blutbad. Israelische Panzer rollen in palästinensische Städte und sind mit Jugendlichen konfrontiert, die mit Steinen, Molotow-Cocktails und Gewehren bewaffnet sind. Israelische Soldaten und die palästinensische Polizei bekriegen sich im Häuserkampf; israelische Kampfhubschrauber greifen haargenau strategische palästinensische Ziele an. Die Opfer sind immens." (Peter Hirschberg: Kriegsspiele, Jerusalem Report, 4.9.1997)

Kommt Ihnen diese Schilderung aus dem Jahr 1997 nicht bekannt vor? Doch, bestimmt: denn vor einigen Wochen wurde Ähnliches über das Flüchtlingslager Dschenin berichtet.

Es muss hinzugefügt werden, dass die Opferzahl im Rahmen der Operation Dornenfeld bislang viel niedriger ausfiel, als ursprünglich kalkuliert. Denn die israelischen Planer rechneten mit einer sehr großen Anzahl Toter auf beiden Seiten: 10.000 Palästinenser und mehrere Hundert unter den israelischen Soldaten.

Dass die Leichenberge bislang nicht so hoch sind, wie sie auf israelischer Seite in Kauf genommen würden, ist jedoch kein Grund zur Entwarnung. Denn wir müssen leider den Rest des Maßnahmenkatalogs von "Dornenfeld" konsultieren.

Darin ist u.a. zu lesen:

  • Vorübergehender Rückzug israelischer Siedler aus exponierten und wenig geschützten Siedlungen
  • Verhaftung der Führung der palästinensischen Autonomiebehörde und Einsetzen einer neuer Militärverwaltung
Diese beiden Maßnahmen werden jetzt durchgeführt, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Arafat und sein Verwaltungsapparat ganz beseitigt werden.

Wie aber geht es danach weiter? Dazu sieht der Plan Dornenfeld folgendes vor:

  • "Gewaltsame Evakuierungen von PalästinenserInnen aus 'sensiblen' Gebieten"
Die "sensiblen" Gebiete sind bestimmt keine präzise Formulierung. Es sei daran erinnert, dass Sharon zum Beispiel 1982 als damaliger Verteidigungsminister seine Regierung und die US-Administration vor der Libanon-Invasion belog und ankündigte, die israelische Armee würde lediglich 40 Kilometer ins benachbarte Land eindringen. Tatsächlich schickte er seine Truppen ins viel weiter entfernte Beirut. Insofern könnte also, wie auch andere israelische Exempel zeigen, das gesamte Palästina als "sensibles Gebiet" interpretiert werden.

Auch andere Hinweise deuten darauf hin, dass das höchstwahrscheinliche Szenario die Massenvertreibung der palästinensischen Bevölkerung ist. Diese Deportation wird in Israel euphemistisch als "Transfer" bezeichnet.

Der israelische Militärexperte Martin van Creveld spielte in DIE WELT vom 26.4. 2002 ein bisschen phantasievoll mit den möglichen Vorgängen, die zur Massenvertreibung führen könnten. Die Perspektive solcher ethnischer Säuberungen ist auch für ihn sehr realistisch - ein Vorhaben, welches im Rahmen des vorgesehenen US-Angriffs gegen den Irak vollzogen werden könnte. Über den Deportationshergang schreibt van Creveld:

"Für die Vertreibung der Palästinenser braucht man nur einige Brigaden. Sie werden die Menschen nicht einzeln aus ihren Häusern schleppen, sondern schwere Artillerie einsetzen, damit sie von selbst weglaufen. Dschenin wird im Vergleich zu dieser Zerstörung wie ein Nadelstich aussehen."

Im Moment mobilisiert Israel mehr Truppen. Und mit seiner Rede gab Präsident Bush Israel schon grünes Licht für die weitere Eskalation in Richtung der vollständigen ethnischen Säuberung.

Es ist eine vielfach belegte Analyse, dass die israelische Militärjunta diese Ziele von langer Hand anstrebt und die verzweifelten und zweifelhaften palästinensischen Aktionen, wie Selbstmordattentate, als Vorwand benutzt, um eine immer höhere Gewaltstufe zu erreichen.

Während sich die Lage im Nahen Osten konstant zuspitzt, wird die potenzielle Opposition im Ausland neutralisiert - wenn sich diese nicht schon vorher selbst totgelaufen hat.
Als Beispiel dafür kann die Bundesrepublik dienen.

Der Parlamentarier Jamal Karsli protestierte zu Recht gegen die unmenschliche israelische Politik und bezeichnete das Vorgehen, palästinensische Gefangene zu nummerieren, als Anwendung von Nazi-Methoden.

Es scheint, als hätten jüdische Funktionäre wie Michel Friedman und Paul Spiegel auf eine solche Chance, wie die Aussage Karslis, nur gewartet. Sie spielten danach eine zentrale Rolle bei einer gut orchestrierten Hetzkampagne. Dem Abgeordneten Karsli wurde die schlimmste Sorte von Judenhass vorgeworfen, eine, die an die Nazi-Zeit erinnere. Durch diesen ungeheuerlichen und unbegründeten Vorwurf wurde nicht nur Jamal Karsli verunglimpft, sondern gleichzeitig wurden die deutsche Friedensbewegung und die Medien eingeschüchtert. Damit gelang Israel und der zionistischen Lobby ein wichtiger Sieg im Kampf um die öffentliche Meinung.

Was kümmerte es dann die deutschen Medien, dass die gleichen Assoziationen wie Karsli auch zwei israelische Prominente pflegten: der Knessetabgeordnete und Shoa-Überlebende Yosef (Tomy) Lapid und die große Dame der israelischen Musik, die 'Sängerin der Kriege', Yaffa Yarkoni. So sagte Yarkoni in einem Interview im israelischen Militärradio: "Wir haben den Holocaust durchgemacht. Wie können wir nur solche Dinge tun?" (Galatz, April 14, 2002). Befragt von der Zeitung Ha'aretz, was sie denn mit "Dingen" gemeint habe, antwortete Yarkoni: "Ich meinte diese Nummerierung. Es hat mich wirklich schockiert. Ist dies nicht das, was die Deutschen machten?"(Ha'aretz, May 3, 2002).

Aber was diese beiden Juden dürfen, ist einem Nichtjuden wie Karsli nicht erlaubt. "Quod licet Jovi, non licet bovi" heisst es auf Lateinisch - auf Deutsch: "Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen verboten."

Dabei sollte doch eine ganz einfache Regel herrschen: Entweder sind Behauptungen wahr oder falsch, egal wer sie ausspricht. Solange in diesem Bereich rassistische Zensurregelung herrscht, solange kann eine Gesellschaft wie die deutsche ihre Vergangenheit nicht richtig aufarbeiten.

Diese Tabuisierung ist per se rassistisch, da sie die Deutschen - quasi genetisch - als die ewigen Täter diffamiert und die Juden als die ewigen Opfer idealisiert.

Dass unsere Großeltern und andere Verwandte von den Nazis umgebracht wurden, hielt leider eine erschreckend große Anzahl israelischer Soldaten verschiedener Generationen nicht davon ab, sich an zahlreichen Kriegsverbrechen zu beteiligen.

Eine Tabuisierung ist ein falsches Mittel und erzeugt nur noch mehr Hass und Ressentiments. Anstatt einer offenen Diskussion, welche z.B. die Kritik Karslis sachlich prüfen soll, gibt es eine antidemokratische Hexenjagd, die an ganz schlimme Zeiten erinnert und viele anständige Menschen in eine Ecke drängt, in welche sie ganz bestimmt nicht gehören wollen.

Durch ihre nicht gerechtfertigte und verantwortungslose Machtdemonstration leisten jüdische Prominente in Deutschland einen unübersehbaren Vorschub für sehr gefährliche politische Tendenzen. Infolge der massiven Zensur in der deutschen Öffentlichkeit und den deutschen Medien sind die Rechtsradikalen leider ein Auffangbecken für das berechtigte Unbehagen geworden und bringen damit nicht nur die jüdischen Menschen, sondern die gesamte Gesellschaft in Gefahr.

Die geplante Klage Jamal Karslis gegen Michel Friedman und Paul Spiegel ist ein wichtiger Teil der Bemühungen, einen friedlichen Ausweg aus der sehr gefährlichen nahöstlichen Situation zu finden. Denn dadurch, so ist zu hoffen, könnte endlich eine effektive Friedensbewegung in Deutschland entstehen, welche die eigene Regierung zur Intervention gegen die israelischen Kriegsverbrechen zwingt und auch die Friedensbemühungen im Nahen Osten durch eine Zusammenarbeit mit den dortigen Basisorganisationen stärken würde.