Mahmoud Darwich

Mahmoud Darwich Geb. 1942 in dem Dorf al-Barwa nahe von Akka.Es gehörte zu den Dörfern, die nach dem Krieg 1948 von den Israelis dem Erdboden gleichgemacht wurden. Im noch jugendlichen Alter nahm er am politischen Kampf teil und trat in die israelische kommunistische Partei ein. Wegen seiner politischen Anschauungen wurde er zu Hausarrest verurteilt. In den Jahren 1961, 1965 und 1967 war er im Gefängnis. So lange wie er in Palästina war, lebte er im Bezirk Galiläa. Einige Zeit arbeitete er als Journalist. 1971 verließ er Palästina, um in Beirut zu leben.

Vom Libanon aus verbreitete sich sein Ruhm und man nannte ihn den ersten Dichter des Widerstands. Trotz der engen Grenzen, die ihm sein Engangement für die Sache gesetzt hat, zeichnet sich seine Dichtung durch sich immer wieder erneuernde Schöpfungskraft aus, er bewegt sich in einer Welt mit weit gestrecktem Horizont und macht so das palästinensische Problem in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Problem des gequälten und verfolgten Menschen, der es ablehnt, sich seinem Schicksal zu beugen, sondern sich mutig dem Kampf stellt trotz seiner blutenden Wunden. Damit reiht sich Mahmoud Darwich als ebenbürtiger Dichter in die neuzeitliche Weltliteratur ein.

Darwish gilt als die poetische Stimme des palästinensischen Volkes, als großer Erneuerer der arabischen Lyrik und galt lange als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis. Seine Bücher sind in mehr als 35 Sprachen übersetzt.

Sie fragten nicht

Sie fragten nicht: Was erwartet uns nach dem Tode?

Sie fragten nicht: Was erwartet uns nach dem Tode? Die Karte vom Paradies

kannten sie besser als das Buch der Erde.

Stattdessen fragten sie:

Was können wir vor diesem Tode tun? Nahe bei unserem Leben

leben wir und leben doch nicht. Als ob unsere Leben

umgrenzte Wüstenparzellen wären, um die die Herrscher der Immobilien

und wir, die verschwundenen Nachbarn des Staubs, sich zankten.

Unser Leben lastet auf der Nacht des Historikers: Sooft ich sie

verschwinden lasse, tauchen sie aus dem Nichts wieder auf

Unser Leben lastet auf dem Maler: Sobald ich sie zeichne

werde ich zu einem von ihnen und Nebel umhüllt mich

Unser Leben lastet auf dem General: Wie kann nur von einem Gespenst

Blut tropfen? 

Unser Leben bedeutet

so zu sein wie wir sein wollen

Wir wollen ein wenig leben, nur

um der Auferstehung nach diesem Tode Achtung zu erweisen.

Und sie gebrauchten unwissentlich

des Philosophen Worte: Der Tod

sagt uns nichts. Wir sind und er ist nicht

Der Tod sagt uns nichts. Er ist

und wir sind nicht.   

Dann ordneten sie ihre Träume

auf eine andere Weise und schliefen ein im Stehen!

 

aus dem Arabischen von Stephan Milich

 

 

لم يسألوا : ماذا وراء الموت
لم يسألوا :ماذا وراء الموت ؟ كانوا
يحفظون خريطة الفردوس أكثر من
كتاب الأرض ، يشغلهم سؤال آخر:
ماذا سنفعل قبل هذا الموت ؟ قرب
حياتنا نحيا، ولا نحيا. كأن حياتنا
حصص من الصحراء مختلف عليها بين
آلهة العقار ، ونحن جيران الغبار الغابرون .
حياتنا عبء على ليل المؤرخ ” كلما
أخفيتهم طلعوا على من الغياب ” ….
حياتنا عبء على الرسام : ” أرسمهم ،
فأصبح واحدا منهم ،ويحجبني الضباب ” .
حياتنا عبء على الجنرال : كيف يسيل
من شبح دم ؟ “ وحياتنا
هي أن نكون كما نريد. نريد أن
نحيا قليلا ، لا لشيء … بل لنحترم
القيامة بعد هذا الموت . واقتبسوا ،
كلام الفيلسوف : ” الموت لا يعنى
لنا شيئا . نكون فلا يكون .
الموت لا يعنى لنا شيئا ؟ يكون فلا
نكون “
و رتبوا أحلامهم
بطريقة أخرى. وناموا واقفين !

In Erwartung der Heimkehrer

Ist das die Hütte meiner Lieben dort vorn auf dem Sand,
die wacht wie ich mit dem Regen?
Ich, Sohn des Odysseus, warte auf Post aus dem Norden ..
Die Seeleute riefen ihn, aber er reiste nicht ab.
Er hielt die Schiffe zurück und wandte sich zu den Bergen.
- O Stein, auf dem mein Vater für einen Rasenden gebetet,
dich verkaufe ich nicht für Juwelen.
Ich werde nicht gehen,
werde nicht gehen,
nicht gehen!

Die Stimmen meiner Lieben durchdringen Mauern und Wind.
- O Mutter, warte auf uns vor der Tür. Wir kehren heim.
Diese Zeit ist anders als ihr glaubt.
Wie der Seemann es will, so weht der Wind,
und das Schiff bezwingt der Strömung Lauf!

Was hast du uns gekocht? Wir kehren heim.
Sie haben unsere Ölvorräte geraubt und unsere Säcke Mehl.
Bring Kräuter, bring Erbsen vom Feld,
wir kehren heim!

Die Schritte meiner Lieben sind Seufzer des Steins in eiserner Hand,
und schlaflos stehe ich mit dem Regen.
Umsonst laß ich meinen Blick in die Ferne schweifen,
denn ich werde bleiben .. auf dem Stein .. unter dem Stein ..halte Stand.


Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1979

Ausgewählt und aus dem Arabischen übersetzt von Irene Daoud

Von einem Menschen

Mit Ketten verschlossen sie seinen Mund,
mit dem Totenschein banden sie seine Hand
und sagten: Du bist ein Mörder!

Sie nahmen sein Brot, seine Flaggen und Kleider
und warfen ihn in den Todeszelle
und sagten: Du bist ein Dieb!

Aus jedem Hafen jagten sie ihn fort
und nahmen ihm seinen kleinen Liebling.
Dann sagten sie: Du bist ein Flüchtling!

Oh, meine blutenden Augen und Hände,
auch diese Nacht nimmt mal ein Ende.
Kein Gefängnis, kein einziges Glied
der Ketten wird bleiben.
Nero ist tot, Rom aber lebt...
kämpft weiter mit seinen Augen, den beiden.
Die Körner einer Ähre zugrunde gehen,
doch das Tal wird voll neuer Ähren stehen...!


Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1979

Ausgewählt und aus dem Arabischen übersetzt von Irene Daoud

Sänger vergossenen Blutes*

Fünfzig Saiten in deines Sängers Hand,
deines Sängers im Olivenhain,
der nur Wind und Regen gekannt,
deines Sängers, den der Schlaf gereut,
der in nächtlicher Runde sich gefreut.
Die sprießende Rose wird, wie du willst,
zum sprühenden Funken in seinem Munde,
der Olivenhain in deinen Augen zum Zauber der Stunde.
Weinen wird er, so ist er's gewohnt,
Wenn der Wind über fünfzig Saiten weht.

Oh, fünfzig blutige Weisen!
Wie ist es geschehen,
dass aus der blutigen Quelle
Sterne und blühende Bäume entstehen?
Und wer ins Grab stieg, o meine Gitarre,
ist der Mörder,
gesiegt hat der Sänger.

Öffne die Tore, o unser Dorf,
lass wehen alle vier Winde hindurch,
lass fünfzig Wunden erglühen,
Kafr Kassem,
Dorf, das von Weizen träumt und blühenden Veilchen,
von Hochzeitsflügen der Täubchen...
Erntet sie alle mit einem Mal,
erntet...
Oh, sie haben sie geerntet....

O Weizenähre auf dem Felde,
dein Sänger singt:
Ach, wüsste ich nur die Geheimnisse, welche
der Baum in sich birgt,
alle toten Worte würd ich begraben,
hätt ich nur Kraft wie der Gräber Schweigen.

O Hand, die auf der Saite spielt,
welch eine Schande, fünfzig Saiten.
Ach, würde ich nur mit der Sense meine Geschichte schreiben
und mit dem Spaten mein Leben bestreiten
mit dem Flügelschlag der Lerchen.

Kafr Kassem,
vom Tode kehr ich zurück zu leben, zu singen,
laß meine Stimme sich an der Wunde entzünden,
leite mich zu dem Hass, der ganz
voll dorniger Diesteln mein Herz bepflanzt.
Ich bin Gesandter einer Wunde, nicht zum Schachern zu bewegen.
Mein Henker hat mich gelehrt, auf der Wunde zu gehen,
und ich gehe...
werde gehen...
und widerstehen!


* Nach der Verstaatlichung der Sueskanalgesellschaft durch Ägypten im Juni 1956 griffen England, Frankreich und Israel Ägzpten in geheimer Absprache am 29.10.1956 an. Um Unruhen vorzubeugen, verhängte Israel an dem Tag über etliche Dörfer in den besetzten Gebieten ein Ausgehverbot von 17.00h abends bis 06.00h früh. Kafr Kassem gehörte zu diesen Dörfern. Um 16.30h informierten israelische Militärs den Gemeindevorsteher des Dorfes über die Ausgangssperre. Viele der Dorfbewohner befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch bei ihrer Arbeit außerhalb des Dorfes und konnten nicht mehr benachrichtigt werden. Bei ihrer Rückkehr wurden 48 Personen ohne Vorwarnung von israelischen Soldaten erschossen.

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1979

Ausgewählt und aus dem Arabischen übersetzt von Irene Daoud