Interview mit der Vorsitzenden der Generalunion
der Palästinensischen Frauen in Libanon, Amneh Suleiman

Frau Soliaman betonte zunächst, daß die Palästinensische Frauenunion ein fester Bestandteil der PLO ist und die palästinensischen Frauen im Libanon und im Exil vertritt. Sie fördert die Ausbildung der Frauen, um ihr Potential auszuschöpfen, und sie mahnt die Rechte der gesamten palästinensischen Bevölkerung an. Ein weiteres Ziel ist die Verbesserung der Lage der Frauen hinsichtlich ihrer politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Situation. Die Grundfrage ist jedoch das Recht auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge und ihrer Entschädigung.

"Wir im Libanon sind ein wichtiger und bedeutender Zweig der palästinensischen Frauenorganisation, was sich aus der besonderen Lage der Flüchtlinge ergibt," sagt Frau Soliaman. "Diese ist durch großes Leid gekennzeichnet: Arbeitslosigkeit, Elend, Armut und Isolierung der Lager. Alle Rechte, die jeder Mensch genießt, sind uns verwehrt. Die PLO unternahm Anstrengungen, um von der libanesischen Regierung eine Verbesserung der Rechte für uns im Exil zu erreichen. Vor einiger Zeit gab es ein Arbeitsforum zur Untersuchung der Problematik der Palästinenser in Vorbereitung der in Genf stattfindenden Sitzung der UNO. Die USA stellten aber die Bedingung, nicht über die politische Situation zu sprechen, um Angriffe gegen Israel zu vermeiden. Diese Forderung ist nicht gerecht, da das Flüchtlingsproblem ein politisches Problem ist. Durch die Besetzung des palästinensischen Bodens und die Vertreibung unseres Volkes ist Israel der Hauptgrund für die Existenz dieses Problems."

Welcher wirtschaftliche und soziale Beitrag wird von Ihnen neben der politischen Arbeit geleistet ?
"Wir arbeiten mit anderen Organisationen Seite an Seite, um den Palästinensern im Libanon jede Hilfe anzubieten zu können. Wir haben 22 Krippen und 4 Kindergärten, die Kinder sind zwischen 3 und 6 Jahre alt. In diesen Kindergärten werden sie auf den Besuch der UNRWA-Schulen vorbereitet. Wir haben ein Programm, das mit Hilfe der UNICEF gestartet wurden ist, die den UNRWA-Schulkindern Nachhilfeunterricht anbietet, um die Mängel und Probleme dieser Schulen auszugleichen. Unser Programm befähigte die 'durchgefallenen' Kinder, den normalen Unterricht wieder aufnehmen zu können. 400 Kinder werden in diesem Programm betreut. Leider wurde aufgrund finanzieller Schwierigkeiten die Unterstützung seitens der UNICEF gestrichen, was dazu führte, daß die engagierten Lehrkräfte keine Gehälter mehr bezogen. Trotzdem halten wir an unseren Programm fest, um weiterhin unseren Kindern diese Hilfsleistung zugute kommen zulassen. Dies war nur durch ein Minimum an finanzieller Unterstützung seitens der PLO möglich.
Ein weiteres Programm besteht darin, berufliche Bildung für palästinensische Frauen zu ermöglichen, was über ein Kreditprojekt der UNICEF, UNESCO und UNRWA finanziert wird. Da aber die Lage der Frau nicht isoliert von der Lage ihrer Familien und ihrer gesellschaftlichen Umgebung zu betrachten ist, sie schließt die Lage der Kinder und Männer mit ein, haben wir uns entschlossen, unser Projekt zu erweitern, womit alle Mitglieder der Gesellschaft einbezogen sind. Bis 1982 konnte die PLO Frauen und Männer im Libanon mit Arbeitsplätzen versorgen. In Folge der Zerstörungen während des Jahres 1982 wurden alle Werkstätten und Institutionen der PLO zerstört. Tausende Familien wurden erwerbslos, und diese Situation stellt für unser Projekt eine Herausforderung dar. Die Arbeitslosigkeit in den Flüchtlingslagern beträgt 60 Prozent, von den anderen arbeitet die Häfte als Gelegenheitsarbeiter.
Ein weiteres Vorhaben, soll sich mit den palästinensischen Traditionen beschäftigen, mit dem Ziel, die Identität der Palästinenser zu wahren. Es werden Kurse für Kinder angeboten, in denen sie traditionelle Stickerei und Handwerke erlernen können. Die Arbeiten werden später ausgestellt. So verliert sich die Tradition nicht. Für Erwachsene werden ebenfalls Kurse zur beruflichen Bildung angeboten, z.B. Sticken, Computer, Englisch, Glasmalerei, Seidenmalerei usw. Es gibt ebenfalls ein Programm für Frauen, das sich speziell mit Problemen der Frauenrechte befaßt. Dieses Programm hat großen Zulauf. Die Frau in den Flüchtlingslagern leidet in doppelter Hinsicht, unter der sozialen Situation als Flüchtling und der dadurch bedingten häuslichen Gewalt, dem Fehlen des 'richtigen' Klimas zur Erhaltung der Rechte der Frauen. Dieses Programm ist in allen Zentren der Lager zu finden."

Was unternimmt die Palästinensische Frauenunion für die Fürsorge für Kinder und Jugendliche?
"Wir sind Partner des französischen Vereins 'Flüchtlingskinder der Welt'. Dieses Projekt gibt es seit sieben Jahren. Wir haben insgesamt sieben Zentren in allen Flüchtlingslagern. Die Projektarbeit bezieht sich auf die Persönlichkeitsbildung des Kindes, damit sie besser in die Gesellschaft integriert werden und lernen, eigene Meinungen vorzutragen und Entschlüsse fassen zu können. Es gibt auch kulturelle Veranstaltungen, bei denen ein Kinderparlament gebildet wurde, und es wurde ein Sommerlager für Kinder aus allen Flüchtlingslagern durchgeführt.

Wir verfügen auch über ein physiotherapeutisches Zentrum für Kinder, das mit 55 behinderten Kindern arbeitet. Wir bieten Ausflüge und Seminare für betroffene Mütter an, damit sie besser mit ihren behinderten Kindern umgehen können und um sie zu informieren, wie sie besser verschiedene Förderungen erhalten können. Dieses Projekt ist entstanden in Zusammenarbeit mit UNICEF, der Volkshilfe aus Norwegen und einer französischen Hilfsorganisation. In diesem Projekt werden auch politische und gesellschaftliche Aktivitäten durchgeführt. Zum Beispiel haben Kinder eine Photoausstellung gestaltet, in der sie das Leid ' mit ihren Augen' fotografierten. Die Idee dazu kam von einem Künstler aus Bahrain. Es war eine außergewöhnliche Ausstellung. Wir unterhalten auch verschiedene Zentren für Kinder in den Flüchtlingslagern in Zusammenarbeit mit staatlichen und lokalen Institutionen. In diesen Zentren bringen die Kinder ihre Gefühle, Gedanken, Probleme und ihre täglichen Bedürfnisse zum Ausdruck. All diese Aktivitäten sollen bewirken, daß die Kinder lernen, sich mit ihrer Heimat zu identifizieren.

Wir betreiben auch Bibliotheken mit UNICEF und anderen Hilfsorganisationen. Durch verschiedene Bücher ( Lexika, Forschungsarbeiten, Romane etc.) werden alle angesprochen. Dieses hilft uns auch sehr bei unseren Nachhilfeunterricht. Weitere Aktivitäten sind Ausstellungen mit Kinderbildern, Fasching und das Schulen von Kindern bezüglich Mundhygiene und gesunder Lebensweise.

Wir haben ein weiteres Projekt im Zusammenarbeit mit UNICEF, das sich an Jugendliche richtet. Wir haben jeweils ein Zentrum in den Lagern Raschidije, Burdj al-Schamali und Ain el-Helweh. Insgesamt werden 500 Jugendliche in kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Bereichen unterrichtet. Damit verfolgen wir das Ziel, daß diese Jugendliche später in der Lage sind, etwas zum Besseren zu verändern. Außerdem bieten wir soziale Hilfe für Kinder, Waisenkinder und ältere Menschen, die finanzielle Hilfe z.B. Schulgelder, Studiengebühren, Kredite und Unterstützung bei schweren Krankheit, benötigen. Dieses Projekt kommt 4000 Familien zugute.

Im medizinischen Bereich arbeiten wir mit dem palästinensischen Roten Halbmond, mit UNICEF, der Vereinigung palästinensischer Ärzte in London und Kanada und anderen Institutionen zusammen. Dabei werden Kurse für Mütter und Kinder, auch Schwangerschaftsvorsorge, angeboten. Doch vor allem für Jugendliche, die Drogenabhängig sind und dadurch AIDS infiziert sind und anderen ansteckenden Krankheiten haben.

Da wir ein Teil Palästinas sind, haben wir für Familien, deren Häuser in Palästina zerstört wurden, Spenden gesammelt. Außerdem haben wir eine Solidaritätskundgebung gegen den Hausarrest unseres Präsidenten, Yasser Arafat, veranstaltet."

Was erwartet die Palästinensische Frauenunion von den palästinensischen Vereinen in Europa und speziell in Deutschland?
"Wir haben zahlreiche Vereine in Europa getroffen, so in Holland, die uns einen Krankenwagen für Behinderte zur Verfügung gestellt haben und einen Geldbetrag, um einen Kindergarten in Burdj al-Schamali einzurichten. Was die Vereine in Deutschland betrifft, so haben sie uns drei Krankenwagen (mit medizinischen Geräten ausgestattet) zukommen lassen, die wir dringend benötigt haben. Was zum Beispiel sehr erfreulich wäre: Wenn man jährlich fünf oder sechs Studienplätze für ausgezeichnete Schüler, deren finanzielle Lage schlecht ist, finanzieren könnte. Eine große Hilfe wäre es, Patienten, die in Libanon nicht behandelt werden können, in Deutschland zu behandeln. Ein wichtiger Beitrag könnten auch gegenseitige Besuche sein, um die Realität in den Flüchtlingslagern kennen zu lernen. Von großem Nutzen für die Entwicklung unserer Kinder wäre eine Zusammenarbeit mit deutschen Kindergärten, wenn beispielsweise Praktikanten aus Deutschland mit ihrer pädagogischen Erfahrung ein dreimonatiges Praktikum absolvieren würden. Die Unterstützung und Hilfeleistungen aus den Vereinen in Deutschland werden von uns hochgeschätzt und anerkannt.
Die Fragen stellte Amal Alabed