Dichtung
Mahmoud Darwich

Sänger vergossenen Blutes*

Fünfzig Saiten in deines Sängers Hand,
deines Sängers im Olivenhain,
der nur Wind und Regen gekannt,
deines Sängers, den der Schlaf gereut,
der in nächtlicher Runde sich gefreut.
Die sprießende Rose wird, wie du willst,
zum sprühenden Funken in seinem Munde,
der Olivenhain in deinen Augen zum Zauber der Stunde.
Weinen wird er, so ist er's gewohnt,
Wenn der Wind über fünfzig Saiten weht.

Oh, fünfzig blutige Weisen!
Wie ist es geschehen,
dass aus der blutigen Quelle
Sterne und blühende Bäume entstehen?
Und wer ins Grab stieg, o meine Gitarre,
ist der Mörder,
gesiegt hat der Sänger.

Öffne die Tore, o unser Dorf,
lass wehen alle vier Winde hindurch,
lass fünfzig Wunden erglühen,
Kafr Kassem,
Dorf, das von Weizen träumt und blühenden Veilchen,
von Hochzeitsflügen der Täubchen...
Erntet sie alle mit einem Mal,
erntet...
Oh, sie haben sie geerntet....

O Weizenähre auf dem Felde,
dein Sänger singt:
Ach, wüsste ich nur die Geheimnisse, welche
der Baum in sich birgt,
alle toten Worte würd ich begraben,
hätt ich nur Kraft wie der Gräber Schweigen.

O Hand, die auf der Saite spielt,
welch eine Schande, fünfzig Saiten.
Ach, würde ich nur mit der Sense meine Geschichte schreiben
und mit dem Spaten mein Leben bestreiten
mit dem Flügelschlag der Lerchen.

Kafr Kassem,
vom Tode kehr ich zurück zu leben, zu singen,
laß meine Stimme sich an der Wunde entzünden,
leite mich zu dem Hass, der ganz
voll dorniger Diesteln mein Herz bepflanzt.
Ich bin Gesandter einer Wunde, nicht zum Schachern zu bewegen.
Mein Henker hat mich gelehrt, auf der Wunde zu gehen,
und ich gehe...
werde gehen...
und widerstehen!


* Nach der Verstaatlichung der Sueskanalgesellschaft durch Ägypten im Juni 1956 griffen England, Frankreich und Israel Ägzpten in geheimer Absprache am 29.10.1956 an. Um Unruhen vorzubeugen, verhängte Israel an dem Tag über etliche Dörfer in den besetzten Gebieten ein Ausgehverbot von 17.00h abends bis 06.00h früh. Kafr Kassem gehörte zu diesen Dörfern. Um 16.30h informierten israelische Militärs den Gemeindevorsteher des Dorfes über die Ausgangssperre. Viele der Dorfbewohner befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch bei ihrer Arbeit außerhalb des Dorfes und konnten nicht mehr benachrichtigt werden. Bei ihrer Rückkehr wurden 48 Personen ohne Vorwarnung von israelischen Soldaten erschossen.

Gesammelte Werke, Dar al-Awda, Beirut 1979